Die Tage vergehen

„Du siehst toll aus, Henry.“ „Danke, Ruth.“ „Muss ich auch sagen. Richtig wie ein Mensch.“ „Danke, Cynthia.“ Ich muss lächeln. Komplimente bekomme ich hier nicht oft. „Ah, da bist du ja, Henry. Hey, du siehst gut aus.“ „Danke, Morag, du aber auch. Steht dir sehr gut.“ „Ja, und das, obwohl ich zugenommen habe.“ „Jetzt geht das wieder los,“ sagt Frank und rollt mit den Augen. Simmons kommt die Treppe herunter. Im Schlepptau seine Jungs. „Er sieht aber auch schneidig aus,“ sagt Cynthia. Ich muss ihr zustimmen. Brian fehlt noch, aber er wird nicht mehr dazu kommen. Louis ist nicht da, ist im Wochenende. „Sind wir alle da?“ frage ich. Da niemand widerspricht nicke ich Simmons zu und wir gehen hinaus auf den Hof. Im Vorbeigehen nimmt Simmons die Fahne von der Hutablage.

Es nieselt mal nicht und der Himmel ist weniger grau als die letzten Tage. Die Patienten werden in eine Linie aufgestellt, mit Front zum Fahnenmast. Zwei der Vets haben ebenfalls Ausgehuniform angelegt. Sie folgen uns zum Mast, während alles in Zivil hinter uns die Linie bildet. Es ist ruhig, kein herumgealbere. Heute wird Disziplin unnachgiebig durchgesetzt. Harte Strafen sind angedroht.

Sonntag, ein besonderer Sonntag. Gedenktag für Millionen von gefallenen Soldaten des Großen Britanniens. Gedenktag generell für die Toten der vergangenen Kriege. Wir haben es geschafft von jeder Waffengattung einen an den Fahnenmast zu bekommen. Simmons hält die Fahne ich den Seilzug. Da Morag den höchsten Rang bekleidet gibt sie das Kommando, ruft laut „Achtung!“ über den Hof und gibt dann den Befehl zum hissen der Fahne. Ich lasse Jack hoch gehen bis zum höchsten Punkt und setze dann auf Halbmast. Dann mache ich die Fahne fest, gehe zwei Schritte rückwärts bis Simmons und wir salutieren.

Stille.

Es ist ein besonderer Tag dieser Sonntag. Man wird geradezu gezwungen an die Toten zu denken. Anschließend leichter Dienst, später Braten zum Mittag und Wein zum anstoßen.

„Sieh endlich zu das du aus meinen Augen verschwindest!“ „Reg dich ab Louis, ich warte nur noch darauf das der Lieferant fertig wird, dann fahre ich mit ihm in den Ort runter.“ Louis stampft davon. Er hat die Anweisung von Brian bekommen darauf zu achten das ich an meinem freien Tag nicht auf dem Hof bin. Es kann einen auch ankotzen, spätestens dann wenn man nur faulenzend im Bett liegen möchte. Zum Reiten hatte ich keine Lust, es war mir zu feucht.

Ich fahre mit dem Lieferanten in den Ort. Den Bus verpasse ich knapp, doch der Fahrer des Lieferdienstes verfolgt den Bus bis zum nächsten Ort. „Wir Fallschirmjäger müssen schließlich zusammenhalten,“ sagt er und grinst. So erreiche ich den Bus nach Edinburgh wo ich auf Pete treffe. Anschließend geht es weiter nach Glasgow und wir besuchen Brian.

Im Krankenhaus eine Schrecksekunde: Brians Zimmer ist leer und wird gerade gewischt. Es dauert ein wenig bis wir die Auskunft erhalten das Brian verlegt wurde. Ein anderer Flügel, der gleiche Geruch. „Du siehst gut aus, Kathleen. Du nicht Brian,“ sage ich. „Danke Henry. Hallo Pete. Willkommen in meinem neuen Reich.“ Kathleen sieht nicht gut aus, Brian schon. Betretenes Krankenhausgerede am Krankenbett. Brian führt uns seinen Daumen vor. Er beschreibt einen kleinen zittrigen Kreis. Kathleen geht darauf hin auf den Flur hinaus. Ich folge ihr, lasse Pete und Brian alleine zurück die sich über Fußball unterhalten.

Kathleen sieht zerbrechlich aus. Man möchte sie in Watte legen. Doch der äußere Schein trügt. Mit Feuer erzählt sie was mit Brian die nächste Zeit geschehen soll. Noch warten sie allerdings auf einen geeigneten Platz der in Glasgow noch nicht frei ist. Eigentlich sollte er schon, ist er aber noch nicht. Ihre Arbeit hat sie angetreten und so weiter. Ihre Sorge um Brian kann sie nicht verstecken.

Pete und ich fahren wieder mit dem Zug zurück nach Edinburgh. „Du müsstest zwanzig Jahre jünger sein. Sie wäre genau die Richtige für dich.“ „Ich weiß,“ sage ich zu Pete. Ich weiß, denke ich. Aber ich wäre nicht der Richtige für sie. Abendessen in Edinburgh bei einem befreundeten Koch von Pete. Ich bekomme den letzten Bus Richtung Heimat, doch die Haltestelle ist leer und dunkel. Keiner der mich abholt. Also Fußmarsch durch das nächtliche Schottland. Doch der Hochnebel ist wieder da und spendet etwas Licht das er von der nicht weit entfernten Stadt aufgesaugt hat.

Die Tage vergehen. Es ist relativ warm, aber auch feucht hier. Die Tage wechseln ab mit Nebel, Hochnebel, Sprühregen, Regen, Nebelregen, Sprühnebel, Regen an Bindfäden, Klatschregen, Nieselregen und strahlenden Sonnenschein. Letzteres kommt selten vor und wird freudig begrüßt. Ansonsten ist die Stimmung mitunter wie das Wetter: Trüb und gedämpft. Die Pferde haben eine bessere Laune, sie spüren den Winter kommen.

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Ein Blick ins Trübe

Das Wetter ist eine Frechheit. Nieselregen wechselt mit leichtem Regen der in einen schweren Regenschauer übergeht um Nieselregen Platz zu machen. Für die Menschheit eine Frechheit, fürs Material eine Zumutung. Nichts wird im Moment richtig trocken. Hoher Andrang im Trockenraum unterm Dach. Materialpflege nimmt einen hohen Stellenwert ein. Alles aus Leder wird besonders gepflegt, und hier ist viel aus Leder.

Mehrere Kids tragen die Regenponchos beim arbeiten im Freien. Olivfarbene Überzüge, das Wetter, die Lichtverhältnisse, die Landschaft. Mitunter sehen sie aus wie argentinische Soldaten. Erinnerungen an ein Gefangenenlager bei Goose Green werden wach wenn ich sie sehe. Gedanken an Mitleid, Mitleid mit dem Gegner der abgehetzt und ausgehungert hinter Stacheldraht im gefrierendem Matsch sitzt. Ein geschlagener Gegner in der Kälte, der sich fragt was aus ihm wird. Gerüchte hatten die Runde gemacht: Briten machen keine Gefangene, und: Die Gurkhas kommen. Keinem argentinischen Soldaten konnte man damals mehr Angst einjagen als mit den Gurkhas. Der Kampf ist vorbei. Wir haben Gefangene gemacht und sie am Leben gelassen. Mal einen Schlag mit dem Gewehrkolben in den Rücken oder einen in die Fresse wenn sie zu arrogant geschaut haben, oder einen für das, was sie unseren Zivilisten angetan haben. Goose Green, die einzige Schlacht in der Zivilisten bei diesem Krieg in der direkten Schusslinie standen. Wir kamen als Befreier und traten den Besatzern in den Arsch. Nicht mehr lange hin, und es sind 30 Jahre her.

Gemaule nach dem Reiten im Freien. Erst wird das Pferd und dann das Material in Ordnung gebracht. Etwas, was die lieben Kleinen noch nicht begreifen. Die Vets machen es anstandslos, haben gelernt das Menschen zu ersetzen sind, Material jedoch schlecht bis gar nicht. Also reinigen sie erst die Hufe und reiben das Pferd ab um dann das Sattelzeug zu reinigen und fachgerecht aufzuhängen. Die Kids, oder manche der Kids, schmeißen erstmal alles in die Ecke und wollen sich trockene Klamotten anziehen.

Besonders bei den Neuen muss man darauf achten. Jetzt hat jeder der alteingesessenen einen Neuen am Hacken, oder einen, der es immer noch nicht begriffen hat. Das schafft Unmut, Unmut deshalb, weil ich beide bestrafe wenn etwas nicht richtig läuft. Gerade bei den Hufen verstehe ich im Moment keinen Spaß und Fellpflege ist gerade wichtig. Frustrierend vielleicht: Die sauber gemachten Pferde danken es einem in dem sie sich sofort nach dem Putzen im Dreck wälzen. Das motiviert nicht unbedingt.

Disziplin ist das Zauberwort bei diesem Wetter und je länger es anhält, desto stärker muss darauf geachtet werden. Zwar können wir auch in der Halle reiten, aber viel Platz haben wir da nicht. Außerdem sollen die Kids lernen das es nicht nur Sonnenschein auf dieser Erde gibt. Also Gemaule, Kontrolle, Bestrafung, noch mehr Gemaule und Pöbeleien. Alle haben viel damit zu tun die Disziplin aufrecht zu halten. Dabei ist es noch nicht einmal kalt da draußen.

„In fünf Minuten auf dem Paddock, und zwar alle unter zwanzig. Ihr beiden nicht. Ihr geht rein und helft in der Küche.“ „Scheiße Henrysir, es regnet. Können wir da nicht in der Halle reiten?“ „Scheißenein, Sonnenscheinchen. Aber danke für den Hinweis. Also werden wir nicht eine halbe Stunde das Wenden üben, sondern eine ganze Stunde. Beschwerden bitte schriftlich und nicht auf Hochglanzpapier. Danke! Wegtreten!“ Gemaule für mich, Rempler für Sonnenscheinchen. Anweisungen die hinterfragt werden kann ich wegstecken wenn der Tonfall in Ordnung ist. Die Frage: „Könnten wir nicht vielleicht wegen des Regens in der Halle reiten?“ hätte ich mit „Okay, können wir machen“ beantwortet. Scheiße Henrysir ist der denkbar schlechteste Weg. Auch das sollen sie lernen: Einfache Kommunikation auf einem gewissen Niveau.

Aber die Feuchtigkeit kann an den Nerven zehren. „Scheiße, ich bin wieder ganz feucht,“ flucht Morag und sieht in die Runde. Serena prustet los. Ich muss mir ein Lachen verkneifen und Frank kämpft mit sich, versucht sich unter Kontrolle zu halten. Morag wird rot. „Blöde Kuh, was Henry bloß an dir findet…“ Morag wirft Serena ein Handtuch ins Gesicht. „Nicht mal feucht werden kann man hier ohne das gleich gelacht wird.“ Mit gespielter Verärgerung verlässt sie das Büro. Serena bekommt einen Lachanfall von dem sie sich nur schwer erholen kann.

Ein Blick ins Trübe verrät: Heute wird es nicht anders. Die Morgendämmerung versucht sich gegen den Nieselregen durchzusetzen. Bislang mit wenig Erfolg.

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Fahne hissen II

„Wenn der Sir es mir erlaubt: Ihr reitet wie ein Mehlsack, Sir.“ „Jaha ha. Das weiß ich. Nur dieses Pferd rüttelt so.“ „Es wäre das erste mal das ich Hekla rütteln sehen würde. Kreuz durchdrücken. Noch mehr. Scheiße Major, ich dachte ihr währt bei den Wüstenratten gewesen und nicht bei den Minentauchern. Hekla, langsam, langsam.“ Hekla schlendert wieder durch die Longe. „Ist das Tempo besser?“ „Ja, fürs eingewöhnen vielleicht besser, Henry.“ „Trotzdem, Kreuz durchdrücken. Und lächele mal.“ Louis sieht zu mir rüber. „Wieso lächeln?“ „Wieso siehst du hier rüber? Ist vorne nichts interessantes? Entschuldigung Sir, aber von nach links Löcher in die Luft starren hat niemand etwas gesagt.“ Louis sieht wieder nach vorne. „Lächeln deshalb weil der Mensch sich dann besser fühlt. Das Gehirn merkt es nicht ob nun echt gelächelt wird oder ob man mit Absicht lächelt wo es nichts zu lächeln gibt. Trotzdem werden Glückshormone ausgeschüttet.“ „Ja richtig, hatte ich vergessen.“ Louis lächelt. „Hätte nicht gedacht das es beim reiten auch funktioniert.“

Ich lasse Louis weitere Runden drehen. Aus den Augenwinkeln sehe ich einen der Jungs auf die Longe zuhalten. Er kam aus dem Haupthaus und macht es sich schließlich auf dem Zaun der Longe bequem. Nach anderthalb Runden sage ich scharf: „Frederick Lewis Patrick, hast du nichts anderes zu tun als hier rumzuhängen?“ „Äh, doch. Robert schickt mich. Da ist Telefon für den Major.“ Ich bringe Hekla zu stehen. Louis schwingt sich aus dem Sattel und kletter behände über den Zaun, verschwindet dann im Haupthaus. Ich sehe den Jungen an. „Was?“ sagt der schließlich. „Ist dir nicht in den Sinn gekommen es gleich zu sagen, das mit dem Telefon?“ „Naja, der hat so komisch ausgesehen, da wollte ich nicht…“ „Rauf aufs Pferd.“ „Wa?“ „Da rauf, jetzt.“ „Aber…“ „Ich will auch mal was lustiges sehen.“ „Oh man eh.“

Hekla dreht seine Runden. Ich schleife an dem Jungen herum, habe auch ein Auge auf den Paddock wo vier Patienten unter Franks Anleitung auf- und absteigen üben. Morag zeigt Serena Handgriffe im alten Stall. Ein normaler Vormittag. Früh hatte es geregnet, dann war die Sonne kurz raus gekommen um hinter Hochnebel zu verschwinden. Geschäftiges Treiben hier draußen. Wer nicht hier ist ist entweder bei Mrs. Puff oder hat einen Behandlungstermin.

Louis kommt wieder zurück. „Ich muss leider abbrechen. Ein der Teil der Kommission will kommen um mich zu begrüßen.“ „Wann kommen die denn?“ „Bald nach dem Mittag.“ „Scheiße.“ Ich bringe Hekla zum stehen. „Frank! Morag!.“ Frank sieht in meine Richtung, Morag kommt aus dem Stall und bleibt abwartend stehen. „Die Kommission kommt kurz nach dem Mittag.“ Frank macht das Verstanden-Zeichen. Morag ruft: „Alles klar,“ und verschwindet wieder im Stall. Der Reitbetrieb wird ein- und auf sauber machen umgestellt. „Ich geh dann mal rein,“ sagt Louis. „Louis!“ rufe ich hinter ihm her. Er dreht sich um. „Ja?“ „Immer sagen wenn die Kommission kommt. Am besten sofort wenn du weißt das sie kommen. Wahrscheinlich kommen sie zum Mittagessen. Sag noch in der Küche Bescheid. Eventuell sechs Besucher.“ „Da wird mich die Köchin für umbringen.“ „Deshalb sollst du es ihr ja sagen.“ Ich wende mich dann dem Chaos zu und verteile die Arbeiten die Frank und Morag noch nicht verteilt haben. Kommission im Haus bedeutet immer Stress und meist nichts gutes.

Mittagessen. Kurz nach dem Gebet, darauf besteht Louis, kommt wie von mir erwartet die Kommission. Ob sie absichtlich zu den unmöglichsten Zeiten auftauchen weiß ich nicht. Gelegen sind sie noch nie aufgetaucht. Stühle werden herangeholt. Es wird eng am Tisch, das Essen kühlt sich merklich ab. Die Stimmung ist klammer als sonst. Besonders die Kids sind viel ruhiger. Ein paar ist deutlich anzusehen das sie sich unwohl fühlen. Essen mit Publikum ist nicht jedermanns Sache.

Es sind tatsächlich sechs Personen die da hereingeschneit kommen. Drei kenne ich von früheren Besuchen. Angenehm war die einzige Frau in der Kommission. Es war die mit den roten Haaren. Am Tisch geht es gesitteter zu, fast vornehm. Die Runde löst sich nach dem Essen in ungewohnter Lautstärke auf: Flüsterton. Sonst kann man nicht mal ein startendes Düsenflugzeug hören, so laut sind die Kids wenn sie abgefüllt sind. Ich gehe wieder raus und sattele Vinur. Die Kommission will zu Louis und nicht zu mir. Also nutzte ich die Mittagspause um einen Ausritt zu machen. Schottland im Herbst ist nur selten etwas für Depressive. Die Wolken kamen wieder herunter, Nebelbänke in den Seitentälern. Der See wie erstarrtes Blei. Trotzdem: wunderschön. Anschließend auf dem Heimweg: Regen.

Im Stall angekommen bringe ich ihn in die Box. Die Wagen der Kommission sind bis auf einen bereits wieder verschwunden. „Ah, Henry. Gut das ich dich noch treffe.“ Ich drehe mich um. Vinur ebenfalls, will auch etwas sehen und bringt sein eines sehendes Auge in die Richtung der Stimme. Das ich neben ihm stehe ignoriert er, wirft mich fast um. Ich eiere durch die Box um nicht hinzufallen. „Deine Teatimemöhre kannst du vergessen, alter Sack,“ sage ich auf deutsch zu ihm. Vor mir steht die rothaarige Frau aus der Kommission. „Robert meinte er hätte nicht dagegen wenn ich dich fragen würde ob meine Tochter mal zum reiten kommen könnte.“ „Das ist etwas ungewöhnlich, aber wenn Robert nichts dagegen hat habe ich auch nichts dagegen.“ „Ich hatte das mit Brian schon mal besprochen, aber er ist nicht mehr dazu gekommen…“ Sie macht eine Pause. „Kein Problem“, sage ich. „Es geht eigentlich fast immer.“ „Vielen Dank, ich werde vorher kurz anrufen.“ Sie verabschiedet sich und geht. Ihr Mantel ist zu lang, leider. „Du bist ein Henryschubser,“ sage ich zu Vinur und gebe ihm doch seine Möhre. Böse kann man ihm eigentlich gar nicht sein, und wenn, dann nie für lange.

Gestern keine Zeit gehabt den Eintrag abzuschicken, oder eingeschlafen bevor es ging. Das Arbeiten im Freien raubt einem die Kraft. Das merkt man aber erst wenn man wieder im Büro sitzt und Tee trinkt. Dabei ist es nicht einmal richtig kalt. Selbst die Nacht noch 10 Grad gehabt, wenn man schräg von unten aufs Thermometer geschaut hat. Tagsüber dann 10-12 Grad. Allerdings kaum Sonne. Heute früh wieder ein Wetter zum liegen bleiben. Leises Gluckern in der Dachrinne, kein Morgengrauen zur sonst üblichen Zeit. Tiefe Wolken stattdessen, dunkel schwarz vor einem dunkelblauen Hintergrund.

Morgenrunde mit Serena. Erst durch den Stall, die obere Hälfte der Boxentüren nach draußen öffnen um durchzulüften, dann Fahne hissen. „Ein bisschen mehr Ernst heute,“ sage ich streng zu Serena. „Wieso?“ „Heute vor 93 Jahren endete der erste Weltkrieg.“ „Aha, setzen wir heute nur auf Halbmast?“ „Nein, Vollmast. Feiertag ist Sonntag. Trotzdem…“ „Vielleicht zeigst du mir mal wie man würdevoll eine Fahne hisst.“ Ich sehe Serena scharf ins Auge, kann aber keinen Spott entdecken. „Na schön.“ Ich nehme die Fahne und falte sie neu zusammen, dann hake ich sie ein. Ich fasse weit oben an das Zugseil und ziehe langsam an, fasse dann mit der zweiten Hand nach und lasse die Fahne gleichmäßig in einem gewissen Tempo hochgehen. Ich mache die Schnur fest, gehe zwei Schritte rückwärts und salutiere, eine Wendung auf der Stelle beendet die Prozedur. „Ob ich die Wendung hinbekomme weiß ich aber nicht.“ „Musst du auch nicht. Es reicht wenn die Fahne so hoch geht wie eben gezeigt.“ Serena nickt. Wir gehen wieder in den Stall zurück. Ich nicke Louis zu den ich hinter dem einen Küchenfenster erblickt habe. Er grüßt mit seinem Teebecher zurück. Er hat heute Aufsicht in der Küche.

Kriegsende. Nur für die wenigsten ist es heute noch nachvollziehbar was dieses Wort bedeutet. Ich habe ein Kriegsende mitgemacht, auf der Soldatenseite. Was es für die Zivilbevölkerung des ersten Weltkrieges bedeutet hat, kann niemand mehr erzählen. So lange ist es her. Der 11.11. ist ein einschneidendes Erlebnis für Großbritannien gewesen und wird dementsprechend gefeiert. Selbst das Kriegsende von 1945 konnte den 11.11., oder besser den zweiten Sonntag im November, nicht als Feiertag verdrängen. Der erste Weltkrieg, häufig immer noch der große Krieg genannt, sollte alle anderen Kriege unnötig machen. Man hoffte es damals das es so sein würde. Vielleicht liegt es an dieser Hoffnung das der Sonntag um den 11.11. als Remembrance Sunday erhalten blieb und das, obwohl der zweite Weltkrieg um so mehr Opfer von Großbritannien gefordert hat. In Großbritannien wird an das Kriegsende und die Millionen Toten der vergangenen Kriege erinnert, in Deutschland startet der Karneval. Vielleicht ist das einer der größten Unterschiede zwischen diesen Ländern. Wer sich in London aufhält zum Remembrance Day muss damit rechnen das er in eine Schweigeminute gerät. Eigentlich sind es zwei Minuten in den alles ruhen soll um an die Opfer zu gedenken. Zeit auch um für den Frieden zu beten.

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Fahne hissen

„Ah nee bah, da geh ich gleich wieder rein.“ Es ist kurz nach sieben. Nieselregen, der Sonnenaufgang fällt wegen Bodennebels aus. Besser: wegen tiefliegenden Wolken. Wir liegen zwar nicht besonders hoch, doch heute früh scheint unser Hügel die Wolken zu kitzeln. Vor Lachen fällt der Nieselregen als munterer Schleier herab. Serena will wieder ins Haus, doch ich schubse sie unsanft nach draußen in den Nieselregen. Ich fasse in die Hutablage der Garderobe und hole den Unionjack heraus und werfe ihn Serena zu. Er fällt wie ein Bettlaken über ihren Kopf wodurch sie wie ein durch und durch britisches Gespenst aussieht. „Na Klasse. Hoffentlich filmt das hier jemand,“ kommt es dumpf unter der Fahne hervor. Sie sortiert die Fahne auf dem Kopf so das sie was sehen kann und stapft Richtung Mast davon. Ich folge ihr. Am Fahnenmast angekommen hake ich die Fahne ein. „Na dann los,“ sage ich und halte ihr die Schnur zum hochziehen hin. „Muss ich jetzt singen oder so was, oder salutieren?“ „Salutieren? Wie willst du dann das Ding hoch kriegen?“ „Hast du wirklich das Ding hoch kriegen gesagt?“ Serena lacht. Ich sehe sie ernst an. Sie hört auf mit lachen, prustet aber und beginnt eine Melodie zu summen. Auf halber Höhe sage ich: „Schatz, das ist die Amerikanische Hymne.“ „Im Ernst?“ Die Fahne bleibt auf Halbmast stehen. „Im Ernst, noch mal runter den Fetzen und das Ganze noch mal.“ Die Fahne kommt wieder herunter wobei Serena bei jedem Handgriff Pfurzgeräusche imitiert. Dann zieht sie die Fahne wieder hoch. Eine andere Melodie, wieder falsch. „Das ist Great Britannia rules the waves.“ „Oh, echt. Ist das nicht unsere…“ „Nein.“ Soll ich sie wieder runter lassen?“ „Nein, mach weiter.“ Ich sehe über die Schulter zum Haupthaus. In der Küche brennt Licht, Schatten huschen hin und her. Im Haupteingang steht eine Gestalt und trinkt aus einem Becher. Louis sieht uns beim hissen der Fahne zu. „So und jetzt?“ „War es nicht ein ergreifendes Gefühl die Fahne seines Landes zu setzen?“ „Hä? Ich finde es eher schwachsinnig eine trockene Stoffbahn in den Regen zu hängen damit sie naß wird. Hängt man Wäsche sonst nicht zum trocknen auf?“ „Morgen früh machst du das alleine. Und wenn ich dich wieder wecken muss, so wie heute, dann mache ich das mit einem Wassereimer. Hast du das verstanden?“ „Sir, ja Sir.“ Sie brüllt es über den ganzen Hof und salutiert noch dabei. „Geh in den Stall und kontrolliere die Boxen.“ „Jawohl, Sir. Boxen kontrollieren, Sir.“ Sie dreht sich um und schlendert zum Stall, muss aber einen Ausweichschritt machen um meinem Fußtritt zu entgehen. Sie lacht noch mal und geht dann etwas schneller zum Stall.

Ich gehe zum Haupteingang. Louis steht da noch, rollt den inzwischen leeren Becher zwischen seinen Händen hin und her. „Das mit dem Fahnen hissen, läuft das jeden Morgen so ab?“ „Nein, heute ging es.“ „Das ist nicht dein ernst, oder?“ „Für Serena war es das erste mal heute das sie die Fahne, sagen wir mal, alleine hochgezogen hat. Und dafür ging es.“ „Sie hat die falsche Hymne gesummt.“ „Ich weiß.“ „Zweimal.“ „Ich weiß, ich weiß. Vielleicht möchte der Major den Kids einen Vortrag über die Hymne und die Bedeutung der Fahne halten.“ „Das ist eine gute Idee, vielleicht sollte ich das.“ Louis sieht zur Fahne herüber. Sie hängt schlaff am Mast. Bei der spärlichen Beleuchtung könnte man meinen es sein ein schwarz-weiß Druck des Unionjack der dort am Mast klebt. Meine gute Idee war eigentlich nicht als solche gedacht, zum Glück hat er die Spitze nicht bemerkt. Brian hätte mir verbal eine verpasst dafür.

„Wie geht es Brian?“ fragt Louis und sieht mich an. „“Oh, naja, gut. Er kann seinen Daumen kreisen lassen. Wahrscheinlich kommt er noch diese Woche in eine andere Klinik.“ „Das ist gut. Freut mich wirklich zu hören. Naja, wir sehen uns dann ja nachher im Paddock.“ „Das ist dem Major wirklich ernst?“ „Ja, das ist dem Major wirklich ernst. Ich finde ich sollte zumindest mal auf einem der Pferde gesessen haben mit denen wir die Patienten behandeln, oder nicht?“ „Louis, das finde ich großartig.“ „Gut, dann bis nachher.“

Ich gehe ins Haus. Ich war etwas verwundert als er um ein zwei Reitstunden gebeten hatte. Verwundert und überrascht. Weder Ruth noch Robert haben je auf einem unserer Pferde gesessen. Brian sowieso nicht. Louis Wunsch gibt mir ein wenig Hoffnung das er sich hier schneller einleben kann. Momentan ist er noch ein ziemlicher Fremdkörper hier.

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Irgendein Vormittag

Auf den Hof fährt ein Sportwagen vor. Die Sonne scheint, der Nebel hat sich verzogen, von den bunten Blättern tropft es. Ein Mann steigt aus. Blaue Uniform, die Hose ist pro Bein mit einem roten Streifen versehen. Ich stehe im Tor des alten Stalles und sehe hinüber. „Isser das?“ fragt Frank. „Denke schon.“ „Sieht aus als wäre er bei der Queen gewesen.“ „Wer weiß?“

Der Mann klopft seine Uniform ab. Im Sonnenlicht sind deutlich Krümel zu erkennen die zu Boden rieseln. Das muss er sein, denke ich. Kein normaler Soldat würde seinen Dress Number One vollkrümeln. Serena kommt aus dem Küchenflur. „Serena, in zehn Minuten auf der Longe.“ „Hä? Ich dachte ich darf mit raus.“ „Falsch gedacht.“ „Frank, seit zum Nachmittag wieder da, bevor es dunkel wird.“ Er nickt, zieht sich die Handschuhe über und sagt im vorbeigehen zu Serena: „Morgen ist auch schönes Wetter.“ „Scheiße iss,“ sagt Serena. Ich wende mich wieder dem Neuen zu. Der ist verschwunden. Nein, nur halb, die andere Hälfte ist im Wagen und scheint etwas zu suchen. „Neun Minuten noch,“ sage ich ohne mich umzudrehen. Serena stampft mit dem Fuß auf und geht in den Stall. Ich gehe zum Wagen, treffe Morag unterwegs die ihr Reitdress an hat. „Ist er das?“ fragt sie und bleibt kurz stehen. „Jap“, sage ich. „Seit vor dem Dunkelwerden wieder da,“ sage ich und gehe weiter.

Eine Reisetasche steht neben dem Wagen. „Guten Morgen, Sir. Kann ich mit dem Gepäck behilflich sein?“ „Guten was? Gepäck? Moment.“ Die Stimme klingt dumpf aus dem Wagen. Es ist ein Klassiker aus der guten Zeit des britischen Wagenbaues. Kurz darauf kommt er aus dem Wagen heraus, umständlich, aber freudig strahlend. „Da ist ja das blöde Ding.“ Triumphierend hält er ein Plastikteil hoch das an eine Zahnspange erinnert. Er lässt es in seine Brusttasche der einen Seite seiner Uniform gleiten. Auf der anderen Seite trägt er Ordensbänder. Das der Afghanistan Medaille ist darunter. Für die des Falkland Krieges dürfte er zu jung sein. Sie fehlt jedenfalls.

„So, Guten Morgen!“ er hält mir die Hand hin. Wir schütteln die Hände und er sieht mich aufmerksam an. Er sieht besser aus als Bratt Pitt, muss ich zugeben. Kräftiger Händedruck, militärischer Haarschnitt. „Ich bin Louis.“ „Ich bin Henry. Willkommen in Camp Asshole, Major.“ „Ach was, kein Major und kein Sir, obwohl mich Brian vorgewarnt hat. Ich denke wir dutzen uns, schöne Grüße von Brian, da war ich vorhin noch.“ „Danke.“ „Das ist es also.“ Louis lässt seinen Blick schweifen. Der Hof liegt im Bereich der Gebäude noch im Schatten der recht tiefstehenden Sonne. Das Licht verlässt uns Tag für Tag immer ein bisschen mehr. Aber noch wärmt sie. Er beschließt seinen Halbkreis mit den Augen bei dem Tor durch das er gerade gekommen ist. Ruckartig geht sein Blick aber wieder zum Fahnenmast hoch. „Seit wann haben wir ein Schaf im Unionjack?“ „Das ist äh…“ „Ja, ich weiß schon, Brian hat es mir gesagt. Ich soll aufpassen wenn Henry Sir sagt oder Major, und wenn das Schaf am Mast hängt soll ich besonders aufpassen.“ Ich ärgere mich ein wenig, denn Brian hat mich auch vorgewarnt. Louis mag keine Schafe auf dem Unionjack, auch die schottische Fahne sieht er auch nicht gerne. Aber ich wusste nicht wann er kommt. „Der Joint muss gut gewesen sein, vom Schaf, meine ich,“ sagt Louis ohne die Miene zu verziehen. „Wenn der Major es wünscht, werde ich die Flagge austauschen.“ „Nein, das wünscht der Major nicht. Ich möchte Robert sehen und mein Zimmer. Wenn es passt, Warrant Officer, Sir.“ „Natürlich, wenn der Major mir folgen möchte.“ Ich nehme seine Reisetasche auf und gehe voraus. Im Windfang treffen wir auf Robert. Ich lasse Louis im Windfang bei Robert und gehe anschließend wieder zum Stall hinüber und weiter zur Longe.

Im Stall treffe ich auf Serena die mich finster anblickt. Die Reitgruppe sammelt sich auf dem Paddock und formiert sich. Schließlich reiten sie an und rauf zum oberen Gatter der oberen Weide, verschwinden dann schließlich hinter dem Hügel. „Scheiße Henry, ich bin sauer.“ „Drauf geschissen Süße. Rein in die Longe.“ In der Longe steht bereits Hekla und döst vor sich hin. Morag hatte sie noch gesattelt und bereitgestellt bevor sie mit Frank zum freien Reiten ausgeritten ist.

Serena geht in die Longe auf Hekla zu die aus ihrem Halbschlaf erwacht. Sie stellt sich wieder auf alle vier Beine und schnaubt einmal. Ich nehme die Longierleine von einem der Holzpfosten hinter mir. „Was machst du da?“ „Na, aufsteigen.“ „Habe ich das gesagt?“ „Nein, aber ich dachte…“ „Wenn du denken könntest wärst du nicht in einer Einrichtung wie dieser.“ „Der Herr ist aber wieder fies heute.“ „Nein, ich bin momentan nett, fies werde ich wenn du weiter so pampig bist. Du sollst heute longieren lernen.“ „Ich soll longieren lernen? Ich dachte das könnte ich bereits.“ „Du denkst ja schon wieder, und gleich wieder nur Scheiße. Du sollst es richtig lernen. Du wirst übrigens Thomas Platz einnehmen. Thomas war gut, das selbe erwarte ich von dir.“ „Ich soll… ich soll was?“ „Chinesisch lernen. Lerne es schnell, denn ich scheine es ja auch zu sprechen. Also Serena, Kopf aus dem Arsch und fang endlich an zu denken.“ „Ich dachte ich soll nicht denken.“ „Oh Herr, schmeiß Hirn vom Himmel. Das da ist dein Ziel.“ Ich sehe bittend nach oben und zeige mit ausgestrecktem Arm auf Serena.

Ich warte einen Moment, doch nichts passiert. „Gut, dann musst du halt mit dem bisschen Hirn auskommen. He, Kackfresse, komm mal rüber.“ Einer der Neuen schlurft über den Hof, sieht auf und kommt herüber. „Komm mal rein hier und setz dich aufs Pferd.“ „Aber ich habe Angst vor Pferden.“ „Jetzt nicht mehr, und nimm die Hände aus den Taschen. Es hat schon schwere Stürze deswegen hier auf dem Zaun gegeben.“ „Aber ich…“ „Diskutier lieber nicht. Der Pferdemann hat wieder schlechte Laune,“ sagt Serena gleichmütig. „Was habe ich? Ich dachte ich habe gute Laune.“ „Ach, du darfst denken?“ „Klappe, los schwabbel da mal rauf. Serena, hilf ihm. Pass auf das er nicht auf der anderen Seite runter fällt und den Zaun beschädigt.“ „Ich bin nur dick wegen meiner Drüsen…“ „Scheiß auf Drüsen, rauf da.“ Wohl ist ihm nicht und wenn man Hekla ansieht: Ihr ist auch nicht wohl. „Und setz dich langsam in den Sattel. Mach mir meine Hekla nicht kaputt.“

Ich hake die Leine bei Hekla ein. Kraule ihr kurz die lange Nase. Serena hilft dem Jungen in den Sattel. Ein fetter fieser Schläger der seinen Frust an Hamburgern und kleinen Kindern ausgelassen hat. Serena erklärt ihm den Sattel. Ich gehe in die Mitte der Longe. Eigentlich braucht Hekla keine Leine um im Kreis zu gehen, Worte genügen ihr. Für den Reiter vermittelt die Leine jedoch so etwas wie Sicherheit, und ich will den Jungen nicht gleich überfordern. Seine Angst vor Pferden kann aber nicht echt sein. Ich habe ihn gleich am ersten Abend in der Box beobachtet wie er Moya den Kopf gekrault hat. Wer Angst vor Pferden hat macht so etwas mit Sicherheit nicht.

„Seit ihr endlich fertig, verdammt noch mal? Nächstes Jahr geht die Welt unter und ihr vertrödelt meine Zeit.“ Serena kommt zu mir in die Mitte der Longe. Ich gebe Serena die Leine in die Hand. „Okay, Schwabbel. Es geht los. Wenn du kotzen musst: nicht aufs Pferd. Los geht es,“ sage ich zu Serena. Sie schnalzt mit der Zunge und Hekla setzt sich in Bewegung.

„Nicht so stramm, lass die Leine lockerer. Hekla braucht ja eigentlich keine.“ „Warum hast du die dann dran gemacht?“ „Für ihn da oben. Dann hat er eine Verbindung zu dir. Merk dir das. Wenn du Neulinge longierst, nimm eine Leine. Das sieht sonst komisch aus für den Reiter. So denkt er du könntest über die Leine eingreifen wenn etwas falsch läuft.“ „Ein Placebo?“ „Fängst du an zu denken? Placebo wäre vielleicht zu viel gesagt und ein Pferd wie Vinur braucht immer eine Leine, oder Lizzy, zum Beispiel. Hekla braucht als Zirkuspferd keine Leine.“ „Die war mal im Zirkus?“ „Ja, im Affenzirkus als Vorturner. Hör auf zu Quatschen und konzentriere dich. Sprich ihn an. Der sitzt wie ein Mehlsack da oben.“ „He, Fred, drück mal dein Kreuz durch. Nein, in die andere Richtung. Besser so. Und lächele mal.“ Fred drück sein Kreuz durch. Zum Lächeln reicht es nicht und ob er wirklich Fred heißt weiß ich nicht.

Wir drehen uns im Kreis, den halben Vormittag, sind dabei aber produktiv.

Zweiter Teil des Vormittages. Serena erhält neue Aufgaben, wird eingespannt wo es geht und wo es nicht geht. Ich überlaste sie mit voller Absicht, will sie dazu bringen das sie sagt das kann ich nicht, das ist zu viel. Nebenbei kontrolliere ich die Boxen und fasse die beiden Neuen ins Auge. Kein Ersatz für niemanden. Verschreckte Hühner in den ersten Tagen. Wenn die erst mal wissen wo das Klo ist, das Bett steht und wann es was wo zu essen gibt verändern sie ihr Verhalten und versuchen die Grenzen auszutesten. Erst ab dann kann man mit ihnen arbeiten. Im Vorfeld kann man sie nur schroff behandeln und deutlich machen wie weit ihr weg noch ist. Am deutlichsten sehen sie das im unterschiedlichen verhalten meinerseits. Die, die länger hier sind, und sich angepasst haben, werden ganz anders behandelt als die, die meinen das es cool ist auf die Einrichtung zu kommen weil sie dafür verurteilt oder ausgesucht worden sind. Denen wird erst mal das Genick gebrochen, möglichst in den ersten zwei drei Wochen. Erst dann ist ein Arbeiten mit ihnen möglich, kehrt wieder Ruhe in die Gruppen ein.

Irgendwann später im neuen Stall. „Kannst dich gerne umdrehen, aber du wirst feststellen das auch hinter dir keiner lacht. Also, da dieser jemand meint das die Boxengasse sauber ist, und ich eine andere Meinung dazu habe, und meine Meinung ausschlaggebend ist…“ ich mache eine Pause im Satz und gehe betont langsam die Reihe der Jugendlichen ab und schaue wie, als wenn ich eine große Vision hätte, in weite Ferne. „… denke ich das es das beste wäre wenn ihr, obwohl es bereits zum Mittag geläutet hat, zusammen, und zwar alle, meine Boxengasse sauber macht…“ ich bleibe vor dem Neuen stehen der mir die Boxengasse schon zweimal als sauber gemeldet hat. „… und zwar so sauber, das ich mich tatsächlich darin spiegeln kann und ich die Lust verspüre darauf meine Wollust zu befriedigen, so wie es mir dieser Herr eben gerade gemeldet hat. Ich zitiere wörtlich: Sir, die Boxengasse ist nun so sauber das man sich darin spiegeln kann und man darauf piepen möchte. Wenn das deine Auffassung von Sauberkeit ist, und du bei einer derartigen Sauberkeit an Sex denken kannst, dann habe ich das Gefühl das du auf dreckigen Sex stehst. Und das dulde ich hier auf keinen Fall. Zur Erinnerung: jedem wird hier sein piep abgeschnitten oder die piep zugenäht wenn die betreffenden beim piepen erwischt werden. Ich persönlich werde die Schere führen oder die Nadel und ich werde dabei lachen. Bin ich verstanden worden?!!“ mein Kopf ist immer näher an den des Jungen gekommen. „Sir, ja, Sir!“ hallt es durch die Boxengasse. „Zum sauber machen weggetreten, hua!“ Die Linie löst sich auf, sie spritzen auseinander wie Quecksilber. Nur die Neuen wissen nicht so recht wohin, finden aber schließlich ihren Platz, werden dabei angerempelt und angezischt. „Ich werde jetzt zum Essen gehen. Wehe euch das nach dem Essen hier noch Dreck rumliegt.“ Ich halte den Strohhalm demonstrativ nach oben den ich bei der Kontrolle gefunden haben und lasse ihn fallen. Dann gehe ich in die Küche.

In der Küche sitzen bereits Cynthia, Simmons, Robert und Louis. „Eine nette Rede, eben,“ sagt Louis. „Vielleicht ein wenig zu hart, zu militärisch. Ich meine, das ist doch kein Bootcamp.“ „Erfahrungswerte Louis.“ Ich sehe die Schnitzel durch die auf einer großen Platte liegen und nehme mir das größte heraus. Ich nehme mir Kartoffeln. Simmons isst bereits, sagt mit halbvollem Mund: „Wenn wir in den ersten Tagen bitte sagen und beim zweiten mal bitte und noch mal bitte können wir den Laden dicht machen. Das ist die Sprache die sie verstehen.“ „Außerdem habe ich eine gewisse Anzahl von Tieren da draußen denen ich das Überleben mit dieser Meute ermöglichen muss. Das geht nur mit Disziplin,“ füge ich hinzu. „Ich wollte mich auch nicht einmischen. Em, nach dem Essen würde ich mich gerne vorstellen.“ „Das wäre auch eine gute Gelegenheit das wir uns als Team neu aufstellen. Kathleen hat vorhin angerufen. Brian hat seinen Abschied eingereicht. Er will nur noch angeln gehen,“ sagt Robert, der sich dabei Soße nimmt. Heute ist deutscher Tag, da gibt es Schnitzel wie in der Heimat. „Mit einem Arm?“ fragt Cynthia. „Das wird schon. Außerdem kann man ja auch mit Handgranaten fischen gehen,“ sage ich furztrocken. Simmons lacht, nicht über die Handgranaten, sondern über das entsetzte Gesicht das Cynthia macht. Dann wird es laut im Flur, die Putzkolonne kommt herein. Der Duft des Essens wird von einem dezenten Pferdeduft vertrieben.

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Unsortierte Sachen

Im Stall zwischen Morgen und Mittag. Draußen Nieselregen und Reitbetrieb. Ich bin bei Vinur in der Box und putze ihn heraus. Nicht für einen besonderen Anlass, nein, ich will mich ablenken, neue Gedanken finden, alte sortieren. „Henry?“ Ich drehe mich um. Kathleen steht hinter mir. Ich habe sie nicht kommen hören. Sie hat Ringe unter den Augen. Die schlaflosen Nächte haben ihre Spuren hinterlassen. Die Sorgen um ihren Vater haben ein übriges dazu beigetragen.

Wir sind uns aus dem Weg gegangen nach dem wir uns mehrmals gefetzt haben. Haben uns wieder vertragen, wieder gestritten und uns schließlich auf einen gewissen Abstand geeinigt. Vinur dreht sich in der Box zu Kathleen um, wobei er mich fast umwirft. Kathleen krault ihm sein Maul. Ich lege das Striegelzeug beiseite. „Dad würde dich gerne häufiger sehen.“ „Ich weiß, aber Glasgow ist nicht gerade um die Ecke und arbeiten muss ich auch. Louis braucht mich hier.“ „Ich könnte dich nach dem Mittag rüber fahren, schließlich ist dein freier Tag heute.“ „Nur auf dem Papier. Zwei der Guten sind gegangen. Durch die Neuen haben wir wieder viel Arbeit…“ „Ich weiß ich weiß, aber meinst du nicht das du dich hinter der Arbeit versteckst?“ „Nicht diesen Psychologenscheiß, Süße!“ „Das war jetzt nicht… Bitte komm mit, Henry. Ich habe mit Morag gesprochen. Sie würde dich Abends vom Bus abholen.“ „Du kommst nicht zurück?“ „Nein, ich habe eine Wohnung gefunden und ich werde mir das Jugendzentrum noch mal ansehen. Vielleicht nehme ich auch die Stelle in der Jugendpsychatrie an. Hier will ich nicht bleiben… ich meine eigentlich schon.“

Es entsteht eine Pause. Sie sieht mich an. „Ich hätte nicht gehen dürfen, damals.“ Ich schiebe Vinur beiseite und gehe auf die Boxengasse hinaus. Ich schließe die Tür hinter mir. Vinur sieht beleidigt aus. Ich habe nur die eine Seite geputzt, das weiß er. Ich drehe mich zu Kathleen und lege ihr meine Hände auf ihre Schulter. „Doch, du hast gehen müssen. Du hast den Scheiß da unten gesehen und begriffen das die Behandlung von PTBS nicht dein Ding ist.Wärst du mit mir zusammen, so hättest du PTBS jeden Tag in deiner Beziehung. Du hast erkannt das die Jugenpsychatrie dein Ding ist und du weißt jetzt wo Dänemark liegt. Und ja, du hast recht, ich verstecke mich hinter der Arbeit. Lass uns gleich fahren und wir essen unterwegs zusammen Mittag.“

Ich habe Horatio und Thomas verloren. Beide kurz hintereinander. Zwischen Ruth und Horatio hat sich wohl etwas angebahnt. Irgendwie haben sie es geschafft das er geht ohne das es den anderen merkwürdig erscheint. Er ist jetzt in einer anderen Einrichtung ganz am anderen Ende der Insel. Thomas hat einen Platz in einer offenen Wohngruppe bekommen und ist irgendwo bei London gelandet.

„Ich hab noch was für dich.“ Ich halte Thomas ein Hufeisen vor die Nase. „Nein! Ist das von Skjöld?“ „Ja.“ „Danke, ehrlich.“ Er hält es wie ein Schatz in den Händen. „Hänge es an die Wand, achte darauf das die Öffnung nach oben zeigt, dann fällt das Glück hinein. Okay?“ „Versprochen.“ Wir umarmen uns. Das mache ich nicht oft, jemanden umarmen. „Schreib mal,“ sage ich und öffne die Tür vom Rover. „Mache ich.“ Thomas lässt seinen Blick noch mal schweifen, dann setzt er sich in den Wagen.

Abschiede sind so eine Sache.

Bei Horatio war es nur ein Händedruck. Beide fehlen mir bei der Arbeit im Stall und auf dem Paddock und als Menschen. Man muß aufpassen das man keine zu engen Bindungen zulässt. Die Lücken sind sonst zu groß wenn sie gehen.

Es ist früher Morgen als ich angefangen habe zu schreiben. Es ist dunkel und still. Vinur hat zwei mal den Mond angewiehert. Seit Brian weg ist brauche ich die Pferde mehr denn je. Morag hat ihm wohl das Leben gerettet. Das war gleich in der ersten Woche wo Kathleen wieder hier war. Zum Glück hat ihn der Schlag bei einer Mitarbeiterversammlung getroffen wo Morag dabei war. Sie hat ihn solange mit Rettungsmaßnahmen versorgt bis der Rettungsdienst auf dem Hof angekommen ist. Kathleen ist mit ihm ins Krankenhaus gefahren. Brian kam dann mit dem Hubschrauber nach Glasgow und lag drei Tage im Koma. Es war ein glücklicher Zufall das Kathleen da war. Ich habe sie in Glasgow besucht, konnte es aber im Krankenhaus nicht aushalten. Das Gepiepe der Maschinen hat mich zu sehr an Maries Tod erinnert.

„Ah, Henry. Komm rein, komm rein. Schön dich zu sehen.“ „Du machst Witze Brian, oder? Schön dich zu sehen.“ „Kommt Kathleen noch?“ Es piept. Jeder Herzschlag wird registriert. Schläuche Maschinen. Ich habe einen OP-Kittel überziehen müssen. Brian sieht überraschend gut aus, gut für jemanden der dem Tod entronnen ist. Es ist eine schlechte Luft in dem Zimmer. Die Maschinen erinnern mich an Marie, die Luft an meine Zeit in der Klinik. Ich könnte kotzen und weglaufen, oder beides: kotzend weglaufen.

„Henry?“ „Was? Ach ja, Kathleen kommt noch. Sie will noch den Chefarzt sprechen.“ „Das ist gut. Ich muss dir ein paar Sachen sagen die du für mich tun musst. Es ist besser wenn Kathleen nichts davon weiß. Die bringt mich sonst um.“ Brian lacht, muss dann aber husten. „Okay, also pass auf. Robert weiß Bescheid über verschiedene Dinge. Ich habe eine Liste mit Anweisungen hinterlassen im Falle das mir etwas passieren sollte. Zu recht, wie es aussieht. Robert wird neuer Chef der Klinik. Ich habe mit ihm gesprochen, er will es machen bis ich wieder auf dem Damm bin. Aber das ist nicht realistisch. Ich bin raus aus dem Spiel, das spüre ich.“ Brian hustet. „Guck nicht so, die Luft ist nur übel hier. Gib mir mal das Wasserglas. Nein in die andere Hand. Der Arm ist doch gelähmt.“ Ich halte inne. „Hat dir das Kathleen nicht gesagt? Na, ist nicht so schlimm, ist nur der linke Arm. Immerhin kann ich noch meine Blase kontrollieren.“

Brian gibt mir eine Reihe von Anweisungen mit auf dem Weg. Ich soll Robert unterstützen wo ich nur kann. Ich höre nicht ganz aufmerksam zu. Brian wird nicht wiederkommen…

„Da ist noch etwas. In den nächsten Tagen wird mein Ersatzmann kommen. Er ist gut, moderner ausgebildet und vom Fach. Ich möchte das du ihn unterstützt wo es nur geht. Ich habe ihm von dir erzählt und eingewiesen. Guck nicht so. Er ist nicht ich, vergleiche ihn nicht mit mir, gib ihm eine Chance. Okay? Ach, und sei nicht so frech zu ihm wie du mitunter zu mir gewesen bist.“ „Sir.“ Es entsteht eine Pause. Die Geräusche der Maschine dringen in mein Unterbewusstsein. Dort treffen sie auf etwas was mir plötzlich klar wird. „Das ist ein Abschied, oder nicht?“ „Ja, Henry. Und nein. Ich bin nicht Tod, aber auf den Hof werde ich nur noch kommen um euch zu besuchen. Gib Louis eine Chance.“ „Louis?“ „Major Louis, mein Ersatz.“ Ich nicke zwar, doch einen Ersatz für Brian kann ich mir nicht vorstellen.

Mir ist kalt auf der ganzen Fahrt nach Hause. Kathleen blieb in Glasgow. Ich bin mit dem Zug zurück und dachte an die Zeit mit Brian. Es war fast als wäre er gestorben.

„Herr Gott, Henry. Ich bin nicht Brian!“ „Entschuldige Robert. Ich wollte dich nicht aufregen.“ Robert sieht mich an. „Das meinst du ernst, oder nicht?“ „Ja. Ich bin ein wenig angespannt. Brian fehlt mir.“ „Mir auch, Henry. Und ich weiß was er für eine Rolle in deinem Leben spielt. Spielt habe ich gesagt, nicht gespielt hat. Er ist nicht Tod, Henry.“ „Nein, glücklicherweise nicht. Aber hier ist er auch nicht.“ „Nein, das ist er nicht. Lass uns nicht streiten. Streit kann ich am allerwenigsten gebrauchen. Wo kommt nur dieser ganze Papierscheiß hin?“ „Der Pferdekram kommt in den Ordner, die Abrechnungen hier rein und unsere Tagesberichte hier rein. Allerdings nur die Kopien, die Originale kommen in die Patientenakten. Und das hier kommt hier rein.“ „Und die Kopien der Rechnungen?“ „Die habe ich bereits bei mir im Büro abgelegt.“ „Henry, kannst du mir einen Gefallen tun?“ „Welchen?“ „Kannst du diese Vorgänge nicht gleich da ablegen wo sie hingehören?“ „Kann ich machen.“ „Wie hat das Brian nur alles geschafft?“ Robert zeigt auf die Papierstapel die der Betrieb der Klinik in der Woche produziert. „Er liegt im Krankenhaus, schon vergessen?“ „Ich werde eine Sekretärin anfordern. Das wird mir zu viel.“

Später, an einem anderen Tag in Glasgow. „Hier Henry, schau mal.“ Brian zeigt mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf seine linke Hand. „Du kannst deinen Daumen bewegen!“ „Naja, bewegen ist vielleicht ein wenig viel. Aber immerhin, und endlich ein anderes Zimmer und keine Maschinen mehr. Was macht der Hof? Haben sich die Neuen eingelebt?“ Wir reden über den Hof. Nach irgendwelchen Aktivitäten meines Gehirnes fragt er nicht. Ich spreche ihn auch nicht darauf an. Kathleen kommt später dazu, zusammen mit ihr verlasse ich die Klinik.

Die Sonne scheint. Wir gehen durch einen Park. Kathleen bleibt stehen. „Henry, könntest du mich in den Arm nehmen? Ohne Hintergedanken.“ „Okay.“ Ich schließe sie in die Arme. Kathleen fängt an zu schluchzen, heult dann hemmungslos. Irritierte Passanten, ignorierende Passanten. Es dauert ehe sich Kathleen wieder gefangen hat. Ich gebe ihr ein Taschentuch. „Danke, das hat gut getan.“ Wir setzen uns auf eine Bank im Park. „Henry, Dad ist nicht über dem Berg. Es geht ihm zwar besser, aber aus der Gefahr ist er noch nicht. Ich weiß einfach nicht was ich machen soll wenn er stirbt. Ich bin dann so etwas wie ein Waisenkind. Scheiße, ich hätte nicht weggehen sollen.“ „Das hast du schon mal gesagt. Ich bin dann übrigens auch ein Waisenkind.“ „Bist du das denn nicht schon? Tschuldigung, das war unbedacht. Er hat mal gesagt das du der Sohn für ihn bist den er nie hatte.“ Ich sehe Kathleen von der Seite an. „Sieh mich nicht so an. Bitte“ Ich sehe wieder in den Park.

Nach einer Weile seufzt Kathleen. „Henry? Wenn ich nicht gegangen wäre…“ „Wäre es auch auseinander gegangen.“ „Bist du sicher? Ich meine… nein, vorbei ist vorbei. Ich will nicht dir und dieser… dieser…“ „Elke.“ „Elke?! Welche Elke?! Henry! Ich meine die Polizistin, irgendwas mit K, aber bestimmt keine Elke.“ „Achso, Kendra.“ Kathleen boxt mir gegen die Schulter. „Du bist unmöglich Henry. Wer ist Elke?“ „Ich bin mit ihr ein Stück durch Schottland geritten. Aber das habe ich dir doch erzählt.“ „Ja richtig. Ich bin ein wenig durcheinander. Aber wie kommst du auf Elke?“ „Wahrscheinlich weil das eine schöne Zeit war und die Zeit jetzt Scheiße ist.“ „Und mit Kendra?“ Ich zucke mit den Achseln. „Keine Ahnung, weiß ich nicht. Ich will keine Beziehung.“ Ich nehme Kathleens Hand und drücke sie. „Nicht böse sein, mit dir auch nicht.“ „Ich weiß,“ sagt sie und erwidert den Druck meiner Hand.

Natürlich hat ein Tagebuch den Sinn und Zweck das man es täglich schreibt. In den letzten Tagen hatte ich keinen Draht dazu es zu tun. Auch das was ich jetzt geschrieben habe ist weder vollständig noch sortiert. Ich werde weitere Puzzlestücke folgen lassen die genauso wenig sortiert sein werden. Momentan bin ich so unsortiert wie diese Teile, doch kann ich ganz gut ohne Brian leben. Bis jetzt jedenfalls. Früher oder später hätte ich mich so oder so von ihm abnabeln müssen. Später wäre mir lieber gewesen.

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Feigheit vor dem Freund

„Hast du nicht gesagt das sie Samstag kommt?“ „Ja, das habe ich. Jetzt habe ich die SMS bekommen -bin in London, nehme nächsten Flug nach Edinburgh, kannst du mich abholen?- Kommst du nun mit, oder nicht?“ „Oder nicht. Bei diesem Wetter… und ich habe es der Gruppe versprochen.“ „Okay, aber ich denke du läufst davon und willst dich ihr nicht stellen.“ „Keine Analyse jetzt, Brian. Ich habe es schwer genug momentan. Ja, ich würde sie gerne wieder sehen und ja, auch abholen und alles auch wieder nicht. Morgen kein Problem, heute geht es einfach nicht das hat nicht nur etwas mit weglaufen zu tun. Außerdem bin ich zu wirr im Kopf und da hilft reiten gegen.“ „Okay, war nur eine Frage“. Brian legt beschwichtigend eine Hand auf meine Schulter. Wir stehen am Paddock. Ich beobachte Serena aufmerksam wie sie ihre Runden dreht. Horatio gibt die Kommandos die sie ausführen muss. Serena hat dazu gelernt.

Brian nimmt die Hand von meiner Schulter und klopft zweimal darauf, dann wendet er sich ab. „Brian?“ Er dreht sich um. „Danke das du da warst, letzte Nacht.“ Er lächelt und nickt mir zu, dann geht er. Ich sehe ihm nach. Er hat es nicht leicht. Ich wende mich wieder Serena zu die gerade an einer großen acht arbeitet. Sie ist konzentriert und ernsthaft dabei. Ich bin es nicht. Erinnerungen sind wieder da. Kriegsende 82 und Teile meiner Zeit in Süddeutschland. Das ich so bin wie ich bin ist eine Strafe dafür für das was ich war und wie ich war. Die Guten sterben immer zu erst, da kann viel dran sein. Je mehr ich erfahre, desto mehr denke ich das eine irreversible Amnesie die bessere Lösung gewesen wäre.

„Das sieht sehr gut aus, Serena. Komm mal zu mir.“ Sie wendet Skjöld und kommt auf mich zu. Horatio trabt hinter den beiden her und kommt ebenfalls heran. Ich klettere über das Gatter in den Paddock und nehme Skjöld in Empfang. Momentan kann mir nichts mehr helfen als die Berührung eines Pferdes. „Sehr gut, Mädchen. Du hast dich wirklich gut heraus gemacht in den letzten Tagen. Ihr beide seit nachher dabei“. Ich kraule Skjölds lange Nase und schicke den Wunsch als Pferd wiedergeboren zu werden in die Anderswelt. Deshalb bemerke ich es auch nur am Rande das Serena sich freut. Ich wende mich von Skjöld ab und Serena zu. „Mach dich fertig, in einer halben Stunde geht es los“. „Danke!“ ruft Serena und lenkt Skjöld zum Stall. „Kommst du nun mit, oder nicht?“ frage ich Horatio der Serena nach sieht. „Nein, heute nicht. Ruth will noch mal… Ich meine…“ „Ist Okay. Lass uns nachsehen wie weit die im Stall sind“. Ich lege ihm einen Arm auf die Schulter. Er tut es mir gleich und wir gehen zum Stall. Ich denke zwischen ihm und Ruth läuft etwas.

Es ist warm, fünfzehn Grad und sonnig und windstill. Ein ungewöhnlich freundlicher Tag. Der Tag davor war Scheiße. Nieselregen fast den ganzen Tag. Deshalb will ich nicht Kathleen abholen und ich habe Angst sie wiederzusehen. Feigheit vor dem Freund.

Die Gruppe ist fertig. Ich habe Vinur gesattelt und bin voraus geritten. Stehe oben auf dem Hügel und sehe ins Land, versuche mich zu konzentrieren. Habe Bilder anderer Frauen im Kopf, Beziehungen, benutzte Frauen, betrogene. Eigentlich müsste ich wieder nach Deutschland um die Spur meines alten Ichs aufzunehmen. Aber ich habe keine Lust darauf von jeder zweiten Frau in Süddeutschland eine geknallt zu bekommen. Henry Sparrow in Süddeutschland…

Ich sehe hinunter in die Landschaft. Das Meer ist heute zu sehen. Ich danke Epona für die Rettung von Vinur. Vinur holt mich mit seiner Unruhe aus dem Gebet. Die Gruppe kommt heran. Vorweg Frank, dahinter 11 Patienten und als Schlusslicht Morag. Morag hat es gut. Sie hat eine relativ leichte Version der PTBS und sie ist früh zu Tage getreten. In den letzten Tagen hat sie sich sehr gefangen und ist sehr sicher im Umgang mit den Pferden und den Patienten geworden.

Ich betrachte die Gruppe die aufgrund der Westen und Helme, sowie der gleichfarbigen Reithosen wie ein uniformierter Trupp erscheint. Fehlen noch die Schilde und die Speere und ich wäre ein Decurio der seine Gruppe mustert. Aber das ist Quatsch. Wir sind außerhalb des römischen Reiches. Der Antoniuswall liegt südlich. Hier waren die Römer nur um abgeschlachtet zu werden. Nein, ich spüre dieses Land und seine Geschichte. Und nichts davon ist römisch. Die Pikten waren hier, die keltischen Skoten, Sachsen, Wikinger. Nichts genaues weiß man nicht und doch ergab alles etwas neues. So bin ich. Bestehe aus Blut und Tränen, Mord und Totschlag, vergessenen Erinnerungen und Bruchstücken von Erinnerungen, aus altem und neuen und versuche vorwärts zu kommen, meinen Weg durchs Leben zu erkämpfen und versuche dabei nicht zu fallen. Ich schnalze mit der Zunge und stubse Vinur an. Es geht vorwärts.

Vorwärts auf der Straße, aber rückwärts durchs eigene Leben. Es ist einfacher mit einer Vergangenheit zu leben die abrufbar ist im Kopf und nicht mit einer die Stück für Stück ins Gehirn hineinrieselt. Es regnet Puzzlestücke. Wäre ich alleine und ohne Hilfe, so wäre ich verloren. Die Pferde nehmen wieder viel auf von dem was in meinem Kopf vor sich geht. Gerade Vinur hat ein unglaubliches Gespür dafür entwickelt zu wissen wie es mir geht. Heute hat er keine Zicken gemacht beim satteln. Sonst macht er seine Scherze. Falklandveteran, Somalia, Irak, das alles überstanden. Den größten Helfer den ich momentan habe ist ein Pony.

Wir erreichen die Hügelkette mit ihren schroffen Felsformationen. Im Gepäck haben wir Holzkohle, Grillrost und Fleisch. Wir suchen uns eine der besten Aussichtspunkte aus und machen das was die Völker dieser Insel am besten können: ein Picknick. Unter uns der See und die grandiose Landschaft aus Bergen und Tälern. Dazu die Sonne und die für unsere Verhältnisse große Wärme. Helme ab, Westen, Pullover und Jacken aus. Wir grillen, spielen, lachen. Um uns Schottland. Es ist phantastisch wie sich die Patienten entwickelt haben. Es gibt nur wenig Zoff.

Später setzen wir uns wieder in Bewegung und reiten zum See hinunter. Mehrere wollen baden gehen. Nur zwei springen wirklich hinein, das Wasser ist schweinekalt. Der Tag endet als die Sonne im Begriff steht unter zu gehen. In die Dunkelheit will ich nicht geraten, deshalb brechen wir auf. Mit dem letzten Licht des Tages erreichen wir den Hof. Die Schweinwerfer reagieren bereits auf uns. Die Stimmung ist ausgelassen und heiter. Der Stalldienst zieht sich hin. Wir haben alle Hände damit zu tun die Patienten am Arbeiten zu halten. Abendbrot ist längst fertig, doch Eile hat niemand. Ich gehe mit Frank durch die Boxen, mache Tempo, lasse es aber bald, warum soll man diese Stimmung stören? Es ist so selten hier.

Es wird ruhiger. Der Papageienschwarm fliegt in die Küche. Ich habe noch kaltes Fleisch in der Satteltasche das ich mit auf mein Zimmer nehmen will. Ich bin bei Vinur in der Box, kann mich endlich um ihn kümmern. „Hallo Henry.“ Es ist Kathleen. Der Moment ist da, kann nicht mehr hinaus gezögert werden. Eine der wenigen Frauen denen ich nie weh getan habe. Sie öffnet die Boxentür. „Kriege ich keine Umarmung.“ „Natürlich kriegst du das. Schön das du da bist.“ Sie sieht mich kurz an und dann umarmen wir uns. Es riecht nicht mehr nach Pferd, sondern nach Kathleen. Der Moment dauert nur kurz. Vinur hat Kathleen erkannt und stubst sie recht ungestüm an. Kathleen begrüßt Vinur. Fast ist es wie früher. Aber nur fast.

Kathleen möchte die Pferde sehen. War es früher für mich etwas wie eine Prüfung, schließlich habe ich viel von ihr gelernt, so ist es heute der Besuch eines Gastes. Lizzy erkennt Kathleen sofort wieder, Hekla braucht ein wenig länger. Wir gehen zum neuen Stall und weiter in die Scheune. Vieles hat Kathleen ja noch nicht gesehen. Als wir ins Haus kommen ist die Küche leer. Im Aufenthaltsraum wird gejohlt und laut gelacht. Simmons kommt gerade aus dem Raum und holt etwas aus der Küche. „Das wird ein langer Abend heute“, sagt er und geht wieder.

Wir setzen uns an den Tisch und trinken Saft. Die neuen Tabletten lassen absolut keinen Alkohol zu. Es entsteht eine Pause. Kathleen sitzt mir gegenüber. Wie oft habe ich an sie gedacht in der letzten Zeit? Sie mir wieder her gewünscht? Oder einfach nur an unsere Zeit gedacht? Manchmal lohnt sich ein Blick zurück. Bei ihr lohnt er sich. „Du hast deine große Schottlandreise gemacht? Pa hat mir ein paar Sachen erzählt.“ „Ja, die habe ich gemacht“. Ich muss lächeln. Drehe das Glas mit Apfelsaft in meinen Händen. Sie hat Pa gesagt, nicht Dad oder Daddy. Vielleicht sind sich ja die beiden näher gekommen. „Wo soll ich anfangen?“ „Vorne am besten“, sagt Kathleen.

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