Auf den Hof fährt ein Sportwagen vor. Die Sonne scheint, der Nebel hat sich verzogen, von den bunten Blättern tropft es. Ein Mann steigt aus. Blaue Uniform, die Hose ist pro Bein mit einem roten Streifen versehen. Ich stehe im Tor des alten Stalles und sehe hinüber. „Isser das?“ fragt Frank. „Denke schon.“ „Sieht aus als wäre er bei der Queen gewesen.“ „Wer weiß?“
Der Mann klopft seine Uniform ab. Im Sonnenlicht sind deutlich Krümel zu erkennen die zu Boden rieseln. Das muss er sein, denke ich. Kein normaler Soldat würde seinen Dress Number One vollkrümeln. Serena kommt aus dem Küchenflur. „Serena, in zehn Minuten auf der Longe.“ „Hä? Ich dachte ich darf mit raus.“ „Falsch gedacht.“ „Frank, seit zum Nachmittag wieder da, bevor es dunkel wird.“ Er nickt, zieht sich die Handschuhe über und sagt im vorbeigehen zu Serena: „Morgen ist auch schönes Wetter.“ „Scheiße iss,“ sagt Serena. Ich wende mich wieder dem Neuen zu. Der ist verschwunden. Nein, nur halb, die andere Hälfte ist im Wagen und scheint etwas zu suchen. „Neun Minuten noch,“ sage ich ohne mich umzudrehen. Serena stampft mit dem Fuß auf und geht in den Stall. Ich gehe zum Wagen, treffe Morag unterwegs die ihr Reitdress an hat. „Ist er das?“ fragt sie und bleibt kurz stehen. „Jap“, sage ich. „Seit vor dem Dunkelwerden wieder da,“ sage ich und gehe weiter.
Eine Reisetasche steht neben dem Wagen. „Guten Morgen, Sir. Kann ich mit dem Gepäck behilflich sein?“ „Guten was? Gepäck? Moment.“ Die Stimme klingt dumpf aus dem Wagen. Es ist ein Klassiker aus der guten Zeit des britischen Wagenbaues. Kurz darauf kommt er aus dem Wagen heraus, umständlich, aber freudig strahlend. „Da ist ja das blöde Ding.“ Triumphierend hält er ein Plastikteil hoch das an eine Zahnspange erinnert. Er lässt es in seine Brusttasche der einen Seite seiner Uniform gleiten. Auf der anderen Seite trägt er Ordensbänder. Das der Afghanistan Medaille ist darunter. Für die des Falkland Krieges dürfte er zu jung sein. Sie fehlt jedenfalls.
„So, Guten Morgen!“ er hält mir die Hand hin. Wir schütteln die Hände und er sieht mich aufmerksam an. Er sieht besser aus als Bratt Pitt, muss ich zugeben. Kräftiger Händedruck, militärischer Haarschnitt. „Ich bin Louis.“ „Ich bin Henry. Willkommen in Camp Asshole, Major.“ „Ach was, kein Major und kein Sir, obwohl mich Brian vorgewarnt hat. Ich denke wir dutzen uns, schöne Grüße von Brian, da war ich vorhin noch.“ „Danke.“ „Das ist es also.“ Louis lässt seinen Blick schweifen. Der Hof liegt im Bereich der Gebäude noch im Schatten der recht tiefstehenden Sonne. Das Licht verlässt uns Tag für Tag immer ein bisschen mehr. Aber noch wärmt sie. Er beschließt seinen Halbkreis mit den Augen bei dem Tor durch das er gerade gekommen ist. Ruckartig geht sein Blick aber wieder zum Fahnenmast hoch. „Seit wann haben wir ein Schaf im Unionjack?“ „Das ist äh…“ „Ja, ich weiß schon, Brian hat es mir gesagt. Ich soll aufpassen wenn Henry Sir sagt oder Major, und wenn das Schaf am Mast hängt soll ich besonders aufpassen.“ Ich ärgere mich ein wenig, denn Brian hat mich auch vorgewarnt. Louis mag keine Schafe auf dem Unionjack, auch die schottische Fahne sieht er auch nicht gerne. Aber ich wusste nicht wann er kommt. „Der Joint muss gut gewesen sein, vom Schaf, meine ich,“ sagt Louis ohne die Miene zu verziehen. „Wenn der Major es wünscht, werde ich die Flagge austauschen.“ „Nein, das wünscht der Major nicht. Ich möchte Robert sehen und mein Zimmer. Wenn es passt, Warrant Officer, Sir.“ „Natürlich, wenn der Major mir folgen möchte.“ Ich nehme seine Reisetasche auf und gehe voraus. Im Windfang treffen wir auf Robert. Ich lasse Louis im Windfang bei Robert und gehe anschließend wieder zum Stall hinüber und weiter zur Longe.
Im Stall treffe ich auf Serena die mich finster anblickt. Die Reitgruppe sammelt sich auf dem Paddock und formiert sich. Schließlich reiten sie an und rauf zum oberen Gatter der oberen Weide, verschwinden dann schließlich hinter dem Hügel. „Scheiße Henry, ich bin sauer.“ „Drauf geschissen Süße. Rein in die Longe.“ In der Longe steht bereits Hekla und döst vor sich hin. Morag hatte sie noch gesattelt und bereitgestellt bevor sie mit Frank zum freien Reiten ausgeritten ist.
Serena geht in die Longe auf Hekla zu die aus ihrem Halbschlaf erwacht. Sie stellt sich wieder auf alle vier Beine und schnaubt einmal. Ich nehme die Longierleine von einem der Holzpfosten hinter mir. „Was machst du da?“ „Na, aufsteigen.“ „Habe ich das gesagt?“ „Nein, aber ich dachte…“ „Wenn du denken könntest wärst du nicht in einer Einrichtung wie dieser.“ „Der Herr ist aber wieder fies heute.“ „Nein, ich bin momentan nett, fies werde ich wenn du weiter so pampig bist. Du sollst heute longieren lernen.“ „Ich soll longieren lernen? Ich dachte das könnte ich bereits.“ „Du denkst ja schon wieder, und gleich wieder nur Scheiße. Du sollst es richtig lernen. Du wirst übrigens Thomas Platz einnehmen. Thomas war gut, das selbe erwarte ich von dir.“ „Ich soll… ich soll was?“ „Chinesisch lernen. Lerne es schnell, denn ich scheine es ja auch zu sprechen. Also Serena, Kopf aus dem Arsch und fang endlich an zu denken.“ „Ich dachte ich soll nicht denken.“ „Oh Herr, schmeiß Hirn vom Himmel. Das da ist dein Ziel.“ Ich sehe bittend nach oben und zeige mit ausgestrecktem Arm auf Serena.
Ich warte einen Moment, doch nichts passiert. „Gut, dann musst du halt mit dem bisschen Hirn auskommen. He, Kackfresse, komm mal rüber.“ Einer der Neuen schlurft über den Hof, sieht auf und kommt herüber. „Komm mal rein hier und setz dich aufs Pferd.“ „Aber ich habe Angst vor Pferden.“ „Jetzt nicht mehr, und nimm die Hände aus den Taschen. Es hat schon schwere Stürze deswegen hier auf dem Zaun gegeben.“ „Aber ich…“ „Diskutier lieber nicht. Der Pferdemann hat wieder schlechte Laune,“ sagt Serena gleichmütig. „Was habe ich? Ich dachte ich habe gute Laune.“ „Ach, du darfst denken?“ „Klappe, los schwabbel da mal rauf. Serena, hilf ihm. Pass auf das er nicht auf der anderen Seite runter fällt und den Zaun beschädigt.“ „Ich bin nur dick wegen meiner Drüsen…“ „Scheiß auf Drüsen, rauf da.“ Wohl ist ihm nicht und wenn man Hekla ansieht: Ihr ist auch nicht wohl. „Und setz dich langsam in den Sattel. Mach mir meine Hekla nicht kaputt.“
Ich hake die Leine bei Hekla ein. Kraule ihr kurz die lange Nase. Serena hilft dem Jungen in den Sattel. Ein fetter fieser Schläger der seinen Frust an Hamburgern und kleinen Kindern ausgelassen hat. Serena erklärt ihm den Sattel. Ich gehe in die Mitte der Longe. Eigentlich braucht Hekla keine Leine um im Kreis zu gehen, Worte genügen ihr. Für den Reiter vermittelt die Leine jedoch so etwas wie Sicherheit, und ich will den Jungen nicht gleich überfordern. Seine Angst vor Pferden kann aber nicht echt sein. Ich habe ihn gleich am ersten Abend in der Box beobachtet wie er Moya den Kopf gekrault hat. Wer Angst vor Pferden hat macht so etwas mit Sicherheit nicht.
„Seit ihr endlich fertig, verdammt noch mal? Nächstes Jahr geht die Welt unter und ihr vertrödelt meine Zeit.“ Serena kommt zu mir in die Mitte der Longe. Ich gebe Serena die Leine in die Hand. „Okay, Schwabbel. Es geht los. Wenn du kotzen musst: nicht aufs Pferd. Los geht es,“ sage ich zu Serena. Sie schnalzt mit der Zunge und Hekla setzt sich in Bewegung.
„Nicht so stramm, lass die Leine lockerer. Hekla braucht ja eigentlich keine.“ „Warum hast du die dann dran gemacht?“ „Für ihn da oben. Dann hat er eine Verbindung zu dir. Merk dir das. Wenn du Neulinge longierst, nimm eine Leine. Das sieht sonst komisch aus für den Reiter. So denkt er du könntest über die Leine eingreifen wenn etwas falsch läuft.“ „Ein Placebo?“ „Fängst du an zu denken? Placebo wäre vielleicht zu viel gesagt und ein Pferd wie Vinur braucht immer eine Leine, oder Lizzy, zum Beispiel. Hekla braucht als Zirkuspferd keine Leine.“ „Die war mal im Zirkus?“ „Ja, im Affenzirkus als Vorturner. Hör auf zu Quatschen und konzentriere dich. Sprich ihn an. Der sitzt wie ein Mehlsack da oben.“ „He, Fred, drück mal dein Kreuz durch. Nein, in die andere Richtung. Besser so. Und lächele mal.“ Fred drück sein Kreuz durch. Zum Lächeln reicht es nicht und ob er wirklich Fred heißt weiß ich nicht.
Wir drehen uns im Kreis, den halben Vormittag, sind dabei aber produktiv.
Zweiter Teil des Vormittages. Serena erhält neue Aufgaben, wird eingespannt wo es geht und wo es nicht geht. Ich überlaste sie mit voller Absicht, will sie dazu bringen das sie sagt das kann ich nicht, das ist zu viel. Nebenbei kontrolliere ich die Boxen und fasse die beiden Neuen ins Auge. Kein Ersatz für niemanden. Verschreckte Hühner in den ersten Tagen. Wenn die erst mal wissen wo das Klo ist, das Bett steht und wann es was wo zu essen gibt verändern sie ihr Verhalten und versuchen die Grenzen auszutesten. Erst ab dann kann man mit ihnen arbeiten. Im Vorfeld kann man sie nur schroff behandeln und deutlich machen wie weit ihr weg noch ist. Am deutlichsten sehen sie das im unterschiedlichen verhalten meinerseits. Die, die länger hier sind, und sich angepasst haben, werden ganz anders behandelt als die, die meinen das es cool ist auf die Einrichtung zu kommen weil sie dafür verurteilt oder ausgesucht worden sind. Denen wird erst mal das Genick gebrochen, möglichst in den ersten zwei drei Wochen. Erst dann ist ein Arbeiten mit ihnen möglich, kehrt wieder Ruhe in die Gruppen ein.
Irgendwann später im neuen Stall. „Kannst dich gerne umdrehen, aber du wirst feststellen das auch hinter dir keiner lacht. Also, da dieser jemand meint das die Boxengasse sauber ist, und ich eine andere Meinung dazu habe, und meine Meinung ausschlaggebend ist…“ ich mache eine Pause im Satz und gehe betont langsam die Reihe der Jugendlichen ab und schaue wie, als wenn ich eine große Vision hätte, in weite Ferne. „… denke ich das es das beste wäre wenn ihr, obwohl es bereits zum Mittag geläutet hat, zusammen, und zwar alle, meine Boxengasse sauber macht…“ ich bleibe vor dem Neuen stehen der mir die Boxengasse schon zweimal als sauber gemeldet hat. „… und zwar so sauber, das ich mich tatsächlich darin spiegeln kann und ich die Lust verspüre darauf meine Wollust zu befriedigen, so wie es mir dieser Herr eben gerade gemeldet hat. Ich zitiere wörtlich: Sir, die Boxengasse ist nun so sauber das man sich darin spiegeln kann und man darauf piepen möchte. Wenn das deine Auffassung von Sauberkeit ist, und du bei einer derartigen Sauberkeit an Sex denken kannst, dann habe ich das Gefühl das du auf dreckigen Sex stehst. Und das dulde ich hier auf keinen Fall. Zur Erinnerung: jedem wird hier sein piep abgeschnitten oder die piep zugenäht wenn die betreffenden beim piepen erwischt werden. Ich persönlich werde die Schere führen oder die Nadel und ich werde dabei lachen. Bin ich verstanden worden?!!“ mein Kopf ist immer näher an den des Jungen gekommen. „Sir, ja, Sir!“ hallt es durch die Boxengasse. „Zum sauber machen weggetreten, hua!“ Die Linie löst sich auf, sie spritzen auseinander wie Quecksilber. Nur die Neuen wissen nicht so recht wohin, finden aber schließlich ihren Platz, werden dabei angerempelt und angezischt. „Ich werde jetzt zum Essen gehen. Wehe euch das nach dem Essen hier noch Dreck rumliegt.“ Ich halte den Strohhalm demonstrativ nach oben den ich bei der Kontrolle gefunden haben und lasse ihn fallen. Dann gehe ich in die Küche.
In der Küche sitzen bereits Cynthia, Simmons, Robert und Louis. „Eine nette Rede, eben,“ sagt Louis. „Vielleicht ein wenig zu hart, zu militärisch. Ich meine, das ist doch kein Bootcamp.“ „Erfahrungswerte Louis.“ Ich sehe die Schnitzel durch die auf einer großen Platte liegen und nehme mir das größte heraus. Ich nehme mir Kartoffeln. Simmons isst bereits, sagt mit halbvollem Mund: „Wenn wir in den ersten Tagen bitte sagen und beim zweiten mal bitte und noch mal bitte können wir den Laden dicht machen. Das ist die Sprache die sie verstehen.“ „Außerdem habe ich eine gewisse Anzahl von Tieren da draußen denen ich das Überleben mit dieser Meute ermöglichen muss. Das geht nur mit Disziplin,“ füge ich hinzu. „Ich wollte mich auch nicht einmischen. Em, nach dem Essen würde ich mich gerne vorstellen.“ „Das wäre auch eine gute Gelegenheit das wir uns als Team neu aufstellen. Kathleen hat vorhin angerufen. Brian hat seinen Abschied eingereicht. Er will nur noch angeln gehen,“ sagt Robert, der sich dabei Soße nimmt. Heute ist deutscher Tag, da gibt es Schnitzel wie in der Heimat. „Mit einem Arm?“ fragt Cynthia. „Das wird schon. Außerdem kann man ja auch mit Handgranaten fischen gehen,“ sage ich furztrocken. Simmons lacht, nicht über die Handgranaten, sondern über das entsetzte Gesicht das Cynthia macht. Dann wird es laut im Flur, die Putzkolonne kommt herein. Der Duft des Essens wird von einem dezenten Pferdeduft vertrieben.