Feigheit vor dem Freund

„Hast du nicht gesagt das sie Samstag kommt?“ „Ja, das habe ich. Jetzt habe ich die SMS bekommen -bin in London, nehme nächsten Flug nach Edinburgh, kannst du mich abholen?- Kommst du nun mit, oder nicht?“ „Oder nicht. Bei diesem Wetter… und ich habe es der Gruppe versprochen.“ „Okay, aber ich denke du läufst davon und willst dich ihr nicht stellen.“ „Keine Analyse jetzt, Brian. Ich habe es schwer genug momentan. Ja, ich würde sie gerne wieder sehen und ja, auch abholen und alles auch wieder nicht. Morgen kein Problem, heute geht es einfach nicht das hat nicht nur etwas mit weglaufen zu tun. Außerdem bin ich zu wirr im Kopf und da hilft reiten gegen.“ „Okay, war nur eine Frage“. Brian legt beschwichtigend eine Hand auf meine Schulter. Wir stehen am Paddock. Ich beobachte Serena aufmerksam wie sie ihre Runden dreht. Horatio gibt die Kommandos die sie ausführen muss. Serena hat dazu gelernt.

Brian nimmt die Hand von meiner Schulter und klopft zweimal darauf, dann wendet er sich ab. „Brian?“ Er dreht sich um. „Danke das du da warst, letzte Nacht.“ Er lächelt und nickt mir zu, dann geht er. Ich sehe ihm nach. Er hat es nicht leicht. Ich wende mich wieder Serena zu die gerade an einer großen acht arbeitet. Sie ist konzentriert und ernsthaft dabei. Ich bin es nicht. Erinnerungen sind wieder da. Kriegsende 82 und Teile meiner Zeit in Süddeutschland. Das ich so bin wie ich bin ist eine Strafe dafür für das was ich war und wie ich war. Die Guten sterben immer zu erst, da kann viel dran sein. Je mehr ich erfahre, desto mehr denke ich das eine irreversible Amnesie die bessere Lösung gewesen wäre.

„Das sieht sehr gut aus, Serena. Komm mal zu mir.“ Sie wendet Skjöld und kommt auf mich zu. Horatio trabt hinter den beiden her und kommt ebenfalls heran. Ich klettere über das Gatter in den Paddock und nehme Skjöld in Empfang. Momentan kann mir nichts mehr helfen als die Berührung eines Pferdes. „Sehr gut, Mädchen. Du hast dich wirklich gut heraus gemacht in den letzten Tagen. Ihr beide seit nachher dabei“. Ich kraule Skjölds lange Nase und schicke den Wunsch als Pferd wiedergeboren zu werden in die Anderswelt. Deshalb bemerke ich es auch nur am Rande das Serena sich freut. Ich wende mich von Skjöld ab und Serena zu. „Mach dich fertig, in einer halben Stunde geht es los“. „Danke!“ ruft Serena und lenkt Skjöld zum Stall. „Kommst du nun mit, oder nicht?“ frage ich Horatio der Serena nach sieht. „Nein, heute nicht. Ruth will noch mal… Ich meine…“ „Ist Okay. Lass uns nachsehen wie weit die im Stall sind“. Ich lege ihm einen Arm auf die Schulter. Er tut es mir gleich und wir gehen zum Stall. Ich denke zwischen ihm und Ruth läuft etwas.

Es ist warm, fünfzehn Grad und sonnig und windstill. Ein ungewöhnlich freundlicher Tag. Der Tag davor war Scheiße. Nieselregen fast den ganzen Tag. Deshalb will ich nicht Kathleen abholen und ich habe Angst sie wiederzusehen. Feigheit vor dem Freund.

Die Gruppe ist fertig. Ich habe Vinur gesattelt und bin voraus geritten. Stehe oben auf dem Hügel und sehe ins Land, versuche mich zu konzentrieren. Habe Bilder anderer Frauen im Kopf, Beziehungen, benutzte Frauen, betrogene. Eigentlich müsste ich wieder nach Deutschland um die Spur meines alten Ichs aufzunehmen. Aber ich habe keine Lust darauf von jeder zweiten Frau in Süddeutschland eine geknallt zu bekommen. Henry Sparrow in Süddeutschland…

Ich sehe hinunter in die Landschaft. Das Meer ist heute zu sehen. Ich danke Epona für die Rettung von Vinur. Vinur holt mich mit seiner Unruhe aus dem Gebet. Die Gruppe kommt heran. Vorweg Frank, dahinter 11 Patienten und als Schlusslicht Morag. Morag hat es gut. Sie hat eine relativ leichte Version der PTBS und sie ist früh zu Tage getreten. In den letzten Tagen hat sie sich sehr gefangen und ist sehr sicher im Umgang mit den Pferden und den Patienten geworden.

Ich betrachte die Gruppe die aufgrund der Westen und Helme, sowie der gleichfarbigen Reithosen wie ein uniformierter Trupp erscheint. Fehlen noch die Schilde und die Speere und ich wäre ein Decurio der seine Gruppe mustert. Aber das ist Quatsch. Wir sind außerhalb des römischen Reiches. Der Antoniuswall liegt südlich. Hier waren die Römer nur um abgeschlachtet zu werden. Nein, ich spüre dieses Land und seine Geschichte. Und nichts davon ist römisch. Die Pikten waren hier, die keltischen Skoten, Sachsen, Wikinger. Nichts genaues weiß man nicht und doch ergab alles etwas neues. So bin ich. Bestehe aus Blut und Tränen, Mord und Totschlag, vergessenen Erinnerungen und Bruchstücken von Erinnerungen, aus altem und neuen und versuche vorwärts zu kommen, meinen Weg durchs Leben zu erkämpfen und versuche dabei nicht zu fallen. Ich schnalze mit der Zunge und stubse Vinur an. Es geht vorwärts.

Vorwärts auf der Straße, aber rückwärts durchs eigene Leben. Es ist einfacher mit einer Vergangenheit zu leben die abrufbar ist im Kopf und nicht mit einer die Stück für Stück ins Gehirn hineinrieselt. Es regnet Puzzlestücke. Wäre ich alleine und ohne Hilfe, so wäre ich verloren. Die Pferde nehmen wieder viel auf von dem was in meinem Kopf vor sich geht. Gerade Vinur hat ein unglaubliches Gespür dafür entwickelt zu wissen wie es mir geht. Heute hat er keine Zicken gemacht beim satteln. Sonst macht er seine Scherze. Falklandveteran, Somalia, Irak, das alles überstanden. Den größten Helfer den ich momentan habe ist ein Pony.

Wir erreichen die Hügelkette mit ihren schroffen Felsformationen. Im Gepäck haben wir Holzkohle, Grillrost und Fleisch. Wir suchen uns eine der besten Aussichtspunkte aus und machen das was die Völker dieser Insel am besten können: ein Picknick. Unter uns der See und die grandiose Landschaft aus Bergen und Tälern. Dazu die Sonne und die für unsere Verhältnisse große Wärme. Helme ab, Westen, Pullover und Jacken aus. Wir grillen, spielen, lachen. Um uns Schottland. Es ist phantastisch wie sich die Patienten entwickelt haben. Es gibt nur wenig Zoff.

Später setzen wir uns wieder in Bewegung und reiten zum See hinunter. Mehrere wollen baden gehen. Nur zwei springen wirklich hinein, das Wasser ist schweinekalt. Der Tag endet als die Sonne im Begriff steht unter zu gehen. In die Dunkelheit will ich nicht geraten, deshalb brechen wir auf. Mit dem letzten Licht des Tages erreichen wir den Hof. Die Schweinwerfer reagieren bereits auf uns. Die Stimmung ist ausgelassen und heiter. Der Stalldienst zieht sich hin. Wir haben alle Hände damit zu tun die Patienten am Arbeiten zu halten. Abendbrot ist längst fertig, doch Eile hat niemand. Ich gehe mit Frank durch die Boxen, mache Tempo, lasse es aber bald, warum soll man diese Stimmung stören? Es ist so selten hier.

Es wird ruhiger. Der Papageienschwarm fliegt in die Küche. Ich habe noch kaltes Fleisch in der Satteltasche das ich mit auf mein Zimmer nehmen will. Ich bin bei Vinur in der Box, kann mich endlich um ihn kümmern. „Hallo Henry.“ Es ist Kathleen. Der Moment ist da, kann nicht mehr hinaus gezögert werden. Eine der wenigen Frauen denen ich nie weh getan habe. Sie öffnet die Boxentür. „Kriege ich keine Umarmung.“ „Natürlich kriegst du das. Schön das du da bist.“ Sie sieht mich kurz an und dann umarmen wir uns. Es riecht nicht mehr nach Pferd, sondern nach Kathleen. Der Moment dauert nur kurz. Vinur hat Kathleen erkannt und stubst sie recht ungestüm an. Kathleen begrüßt Vinur. Fast ist es wie früher. Aber nur fast.

Kathleen möchte die Pferde sehen. War es früher für mich etwas wie eine Prüfung, schließlich habe ich viel von ihr gelernt, so ist es heute der Besuch eines Gastes. Lizzy erkennt Kathleen sofort wieder, Hekla braucht ein wenig länger. Wir gehen zum neuen Stall und weiter in die Scheune. Vieles hat Kathleen ja noch nicht gesehen. Als wir ins Haus kommen ist die Küche leer. Im Aufenthaltsraum wird gejohlt und laut gelacht. Simmons kommt gerade aus dem Raum und holt etwas aus der Küche. „Das wird ein langer Abend heute“, sagt er und geht wieder.

Wir setzen uns an den Tisch und trinken Saft. Die neuen Tabletten lassen absolut keinen Alkohol zu. Es entsteht eine Pause. Kathleen sitzt mir gegenüber. Wie oft habe ich an sie gedacht in der letzten Zeit? Sie mir wieder her gewünscht? Oder einfach nur an unsere Zeit gedacht? Manchmal lohnt sich ein Blick zurück. Bei ihr lohnt er sich. „Du hast deine große Schottlandreise gemacht? Pa hat mir ein paar Sachen erzählt.“ „Ja, die habe ich gemacht“. Ich muss lächeln. Drehe das Glas mit Apfelsaft in meinen Händen. Sie hat Pa gesagt, nicht Dad oder Daddy. Vielleicht sind sich ja die beiden näher gekommen. „Wo soll ich anfangen?“ „Vorne am besten“, sagt Kathleen.

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Würstchen befohlen

„Du machst mir manchmal Angst, Henry.“ Brian macht eine Pause und sieht mich an, dann geht sein Blick durch meine Augen hindurch auf einen unbestimmten Punkt weit hinter mir. Wir sitzen in seinem Büro. Wie es scheint hat sich ein Teil meiner Erinnerungen wieder an gefunden. Kriegsende 1982 steht wieder im real. Davor liegt immer noch ein großer Haufen an Erinnerungen wirr durcheinander. Brian räuspert sich, sieht wieder auf seine Notizen. „Du hast mir das noch nie erzählt, ich meine das mit dem schießen auf die flüchtenden Soldaten. Ich denke das da noch mehr kommt. Ich möchte deshalb das du deine Tabletten absetzt. Dafür nimmst du die, die dir Ruth gegeben hat. Kann ich dir eine Packung geben, oder isst du die zum Abendbrot alle auf und wir sehen alle das der Mensch vom Affen abstammt?“ „Das geht schon. Soll ich die Tropfen auch absetzen?“ Nein, auf keinen Fall. Ich brauche meinen Schlaf. Du nimmst die wie bisher und wenn du in der Nacht aufwachst und mich sehen willst kommst du natürlich zu mir“. Brian sieht mich an. „Wie geht es dir?“ „Ganz gut. Die Dinger von Ruth schmecken ein bisschen nach Erdbeere…“ „Und Kendra?“ „Pardon?“ „Sie war gestern wieder hier, ihr ward spazieren…“ „Sie hat mich über Serena ausgefragt, hat sich hier wieder umgesehen… keine Ahnung was ich von ihr halten soll.“ „Fühlst du dich zu ihr hingezogen?“ „Nein, ich habe auch keinen Kopf dafür im Moment. Ich meine… es ist wieder alles so wirr im Kopf. Aber wie geht es dir? Colonelsir?“ „Wieso fragst du, sehe ich schlecht aus?“ „Nein, du siehst Scheiße aus. An deinen Augenringen kann man Kunstturnen machen.“ Brian legt den Füllfederhalter auf den Tisch. „Ich war nicht zum Angeln in Edinburgh. Ich habe Herzrhythmusstörungen und muss ernsthaft kürzer treten. Ich muss also jemanden finden der meinen Posten mit übernehmen kann. Finde ich keinen Ersatz, so war es das mit den Veteranen.“ Pause. Robert und Ruth sind kein Ersatz. Ruth arbeitet unterstützend und Robert hat vom Krieg überhaupt keine Ahnung. Was für eine Scheißnachricht.

„Ich bin nicht Tod, Henry. Den Blick kannst du dir für später aufheben. Irgendwann kommt halt die Zeit wo man aufhören muss, oder kürzer treten.“ „Wirst du operiert?“ „Herzschrittmacher? Das steht noch nicht fest. Erstmal wird Robert ein Paar Sachen übernehmen. Ruth hat sich gut eingearbeitet hier und kann einige Behandlungen übernehmen die ich sonst gemacht hätte.“ Brian sieht mich wieder an. „Aber da ist noch etwas. Kathleen kommt zurück. Das dänische Abenteuer ist zu ende.“ „Wann… ich meine… Wann kommt sie wieder?“ „Samstag, wahrscheinlich. Sie bleibt erst mal ein Paar Tage hier auf dem Hof bis wir wissen wie es weiter geht.“ Brian sieht auf seine Hände. „Ich bin kein guter Vater.“ Stille. Was wollte er damit sagen? Schließlich lege ich meine Hände auf seine. „Brian, egal was die Welt dazu sagen wird: Du bist der beste Vater den ich je hatte, Colonepapasir.“ „Ohhh, Henry!“ Brian zerknüllt ein Blatt vom Notizblock und wirft mir die Kugeln an den Kopf. Er steht auf das der Drehstuhl weit nach hinten rollt und eilt zu den Golfschlägern hinüber. Zeit zu gehen. „Ich glaube der Colonelpapasir muss dir mal den Arsch versohlen!“ Er zieht einen Schläger aus dem Futteral. Ich springe zur Tür. „Möge der Colonel bitte an sein Herz denken!“ rufe ich und stürze in den Flur. Brian kommt hinter mir her. Ich renne zur Küche. „Bleib stehen, denk an mein Herz!“ „Ich denke lieber an meinen Arsch, Sir.“ Brian steht im Flur wie einer der drei Musketiere, den Schläger wie einen Degen in meine Richtung haltend. „Was gibt es zum essen heute?“ „Bratkartoffeln.“ „Mit Würstchen?“ „Nur wenn es der Colonel befiehlt.“ „Würstchen befohlen!“ „Verstanden Papi!“ „Nenn mich nicht Papi!“ Auf dem Flur kommt der Küchendienst heran. „Macht nicht wieder Holzkohle aus den Würstchen, sonst gibt es welche hiermit!“ Die Jungs sputen sich in die Küche. Brian grüßt mit dem Schläger als wäre es ein Degen und geht in sein Büro.

Brian hat was am Herzen und Kathleen kommt wieder zurück. Reicht nicht ein Problem pro Tag?

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Winterbeginn

Dadadadadadadadadadadadadad. „Mehr Kette, du Idiot!“ Dadadadadadadadadadadadadadadadadadad Dadadadadad Dadadad Dadadadadadadadadad. Höllenfeuer, Hasenjagd. Dadadadadad Klick. Neue Kette rein. Durchladen. Dadadadadadadadadad Das Rohr raucht. Egal. Dadadadadadadadaddadadadadadadadadadadadadadadadad Klick. MG weg, nächstes MG. Es sind nicht unsere, sondern ihre MG´s. Ihre Waffen mit denen sie uns zwei Tage an einem anderen Ort am Boden gehalten haben. Am Boden wo wir uns nieder ließen und notdürftig eingegraben haben. Über uns die Kugel. Dadadadadadadadadadadadad. Zwei Tage in der eigenen Scheiße und dem eigenen Urin. Das war an einem anderen Ort. Wir haben sie geschlagen, sind weiter marschiert, haben Hügel um Hügel genommen. Verband über dem Auge, Blut eines Kameraden auf dem Parka. Marschiert durch eine Mondlandschaft aus Moor und Gras. Dadadadadadadadadad. Die Dämmerung ist angebrochen. Ein diffuser Himmel aus Grau, leichtes Schneegrieseln. Dadadadadadadadad Dadadadad Dadadadadadadadadadad Der letzte Angriff kam von ihrer Seite. Nachtgefecht das in den Morgen überging. Wir haben die Stellung gehalten. Sie mit Artillery stundenlang beschossen. Fauchen und Rauschen in der Luft. Dumpfe Einschläge. Rauchpilze, Lichtblitze. Der Angriff ist abgeschlagen. Wir haben ihre Stellungen überrannt im Gegenangriff. Wer schlau war warf die Waffe weg und rannte davon. Die die blieben wurden niedergemacht. Eine Walze der Gewalt planierte alles was den Kopf herausstreckte. Den Rest erledigten Handgranaten. Schreie. Flehen. Keine Chance. Wir waren der Tod. Dadadadadadadadadadadadadadadadadadadadadadadadadadadad Klick. Nächste Kette. Dadadadadadadadadadadadad Dadadadadadadadad. Im Tal laufen sie davon. Laufen um ihr Leben, vor ihren eignen Kugeln. Laufen vor den mit kleinen Stahlkugeln gefüllten Granaten davon die über ihren Köpfen explodieren. Es ist nicht der Haß der einen schießen lässt, man hat nur einfach die Schnauze voll von der ganzen Sache. Dadadadadadadad Dadadadadad Von der Kälte, der Angst. Je mehr man erledigt, desto eher geht es nach Hause. Das Ziel ist zu sehen. Markiert durch fette Rauchwolken. Die kleine Stadt am Ende der Welt. Sie stehen zwischen uns und der Stadt und müssen beseitigt werden. Dadadadadadadadadadadadadadadadadadad. „Auf was schießt ihr eigentlich?!“ „Auf das worauf alle schießen! Sir!“ Dadadadadadadadadadad Natürlich schießt man nicht auf davonlaufende Soldaten. Aber wer sagt einem das sie nicht auf dem nächsten Hügel anhalten, sich eingraben und der ganze Scheiß von vorne anfängt? Wir haben keine Lust mehr auf Hügel. Oh Herr, lass dies der letzte Hügel sein. Gib mir Kraft und verdammt noch mal mehr Scheißmunition! Dadadadadadadadadadadadadadad Später kommt der Befehl „Feuer halt“! Es dauert etwas bis die Waffen schweigen. Unter uns liegen die Gegner im Gelände, teilweise grotesk verrenkt. Manche bewegen sich. Ein Paar taumeln ins Tal, stützen einen Kameraden. Schreie. Warten. Der Beschuß hat aufgehört. Die Stille schmerzt fasst in den Ohren. Dann die Mitteilung das die weiße Fahne über Stanley weht. Es ist vorüber. Die Helme, diese Scheißhelme werden abgenommen und endlich dürfen wir wieder das Barett tragen. Es geht zur Stadt hinunter durch die Apokalypse. Wir marschieren sichernd durch das Schlachtfeld der Nacht. Der Tod kam auf hundertfache Weise. Manche sind einfach nur Tod, wirken schlafend, andere sind zerfetzt, zermalmt. Hubschrauber kommen heran. Sanitäter irren über das Schlachtfeld. Es sind unsere. Sie bergen was retten ist. Schreie, stöhnen, dampfende Körper in der Kälte eines Juni Tages. Winterbeginn. Teilnamslos geht man ins Tal herunter. Gruppen von Soldaten die sich ergeben. Ausrüstungsteile, Waffen Munition, Gefallene, alles wirr durcheinander. Es berührt einen nichts. Den Finger am Abzug geht man weiter. Bereit jeden zu erschießen der die Hand gegen einen erhebt. Man traut nicht dem Frieden. Jetzt soll alles so plötzlich vorbei sein? Wir rücken vor bis zur Straße und weiter zur alten Kaserne. Wir formieren uns. Wer nicht zur Bewachung der Gefangenen eingeteilt wird macht sich chic für den Gang durch die Stadt. Es wird wieder Wert auf unser Erscheinungsbild gelegt. Der gröbste Schmutz beseitigt. Ein Scherzkeks rasiert sich. Dann geht es in die Stadt. In Formation Zug um Zug die Straße hinunter. Manche lachen, andere haben es noch nicht begriffen oder können es nicht glauben. Wir sind davon gekommen. Am Straßenrand aufgereihte Körper unter Ponchos. Ein brennender Lastwagen abseits der Straße. Verlassene Stellungen, Waffen, Ausrüstungsteile, Koppeln, Spaten, verlassene Fahrzeuge. Wir kommen an Gefangene vorbei die gerade durchsucht werden. Es bilden sich Haufen aus Gewehren. Ihre Waffen landen im Dreck. Wir marschieren weiter. Rauch schlägt uns entgegen. Die ersten Häuser dann die Stadt. Auf dem Fußweg ein toter Feind unter einem Poncho, etwas weiter liegt einer in der Gosse, die Augen starr in den Himmel gerichtet. Es stinkt nach Rauch und Fäkalien. Die Stadt ist ein einziges Chaos. Verlassene Fahrzeuge, Nachschub, brennende Häuser, Inneneinrichtungen auf den Straßen. Wir kommen ins Zentrum, der Junionjack mit dem bekifften Schaf weht bereits wieder über der Stadt. Wir formieren uns und legen das letzte Stück im Kasernenmarsch zurück. Der Krieg ist vorbei. Wir sind wieder Menschen in Uniform. Die dunkle Seite bleibt zurück. Die Bilder verfolgen mich erst später, lassen mich nicht mehr los.

Mir ist kalt. Wieder eine Nacht, wieder geht ein Stück verloren, bricht ab von mir. Die Schuldgefühle treiben die Bilder immer wieder hoch. Mitunter schmerzt die Schulter vom Rückstoß des MG´s. Abgefeuert vor bald 30 Jahren, Winterbeginn.

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Henry Sparrow, Käptn

Die Tage verschwimmen, manchmal weiß ich nicht welcher Wochentag ist, oder was heute war, was gestern. Eine sechs Tage Woche wenn ich Glück habe. Sonntage fallen nur auf weil sie ruhiger zugehen als die anderen Tage. Manchmal sitze ich vor dem Rechner und will mein Tagebuch führen, schaffe es aber gar nicht. Denke wie belanglos war dieser Tag wieder oder er glich einem vorangegangenen Tag so sehr das man ihn nicht aufschreiben braucht. Manchmal bin ich zu müde, manchmal kann mich der vergangene Tag auch einfach mal nur am Arsch lecken. Wer will schon lesen wie man am Arsch geleckt wird.

Perverse vielleicht.

Im Kopfhörer läuft Hans Zimmer, der vielleicht größte Komponist unserer Zeit. Was hätte wohl Mozart oder Telemann oder gar Boyce zu Zimmers Musik gesagt?

William Boyce um 1770:

Hans Zimmer 2004:

Wahrscheinlich wären sie schreiend oder kotzend aus dem Saal gelaufen, hätten einen spontanen Herztod erlitten oder nie wieder irgendetwas geschrieben. Oder sie hätten eine Kombination aus allen Vieren erlitten mit der letzten als ultimative Konsequenz. Boyce wird jedenfalls zu unrecht auf dem Festland zu wenig beachtet. Über Händel brauchen wir uns nicht unterhalten. Er hatte eigentlich nur deshalb Erfolg weil König George ihn von Hannover mit nach London nahm und zum Hofkomponisten machte.

Wo war ich stehen geblieben?

Ja, das Unfassbare. Natürlich sind sich Boyce und Zimmer nie begegnet und natürlich macht Zimmer eine andere Musik als Boyce. Das ist nur verständlich, immerhin liegen mehr als 200 Jahre zwischen beiden Komponisten und Zimmer ist nicht mal Brite. Zwischen meinem heutigen Ich und dem anderen Henry liegen nur 6 Jahre, annähernd sechs Jahre und meine Musik, oder besser mein Leben, ist auch ein ganz anderes Leben als damals. Ich müsste dankbar dafür sein das ich es überhaupt bemerken kann das mein Laben anders ist. Andere können es nicht mehr.

Egal wie lange ich therapiert werde und egal wie viel Zeit vergeht, vergessen werde ich es nie. Der Falklandkrieg war ein Krieg mit ungewöhnlich hohen Verlustzahlen im Bereich der Unteroffiziersgrade. Ians Tod hängt mir nach, eigentlich hätte es mich treffen müssen. Schuldgefühle weil man noch lebt, so skurril kann das Leben sein. Übrigens sollten man sich den gesamten Soundtrack von Hans Zimmer zu King Athur anhören um ermessen zu können wie genial Hans Zimmer wirklich ist. Bei bestimmten Stücken oder Passagen läuft vor meinem Auge die Teile von meinem Leben ab an die ich mich erinnern kann.

Es ist Nacht. Ich träume davon von Hubschraubern abgesetzt zu werden und schrecke dabei auf. Es ist nicht angenehm davon zu träumen. Vielleicht habe ich einen Sicherheitsmechanismus entwickelt der mich aufwachen lässt. Ich stehe auf und gehe zum Fenster. Ich sehe gerade noch wie die Positionslichter hinter dem Hügel verschwinden. Wahrscheinlich die Luftrettung, denke ich und gehe aufs Klo. Ich komme vom pinkeln zurück und will das Fenster schließen als ich bemerke das in der Küche Licht brennt. Vor meinem Klogang brannte dort kein Licht.

Manchmal unterbreche ich einfach meine Aufzeichnung und starre den Bildschirm an, manchmal sehe ich nichts, manchmal die Schatten. Der Regen trommelt aufs Dach über mir. Schwere Regenfälle sind hier normal. Man muss sich erst daran gewöhnen wenn man hier lebt. In Deutschland waren die Regenfälle nicht so stark. Es will nicht hell werden. Der Stall ist nur im dämmrigen Regenschleier zu sehen, er verliert sich im Regen. Ich könnte auch der Kapitän eines Schiffes sein das durch das Nebelmeer fährt, langsam fährt um die Schatten nicht zu wecken, die tödlichen Schatten.

Musik aus einem Film den nie gesehen habe und mir auch nie ansehen werden. Warum muss man in Filmen immer alles kaputt machen? Reicht die Realität nicht aus? Kann man nicht zeigen wie die Erde sich nach einer Allienattacke wieder erholt? Von mir aus auch ohne Menschen. Muß man eigentlich Kriegsfilme drehen? Filme die zeigen wie ein Krieg beginnt sind in Ordnung, aber darüber hinaus kann ein Film nichts zeigen, nichts von dem was er aus Menschen macht. Wer unbedingt einen Krieg sehen will soll hingehen, ein Ticket lösen und hin fliegen, sich eine Knarre geben lassen und mit machen, den Blutrausch spüren, das Adrenalin, den Lärm genießen, das Blut, und wenn es ihm gefallen hat soll er sich gleich dort unten erschießen lassen. Er wäre nämlich hier fehl auf dem Planeten.

Ein Meer aus Schatten, ich bin das Schiff und der Kapitän und meine Mannschaft, Käptn Henry Sparrow auf der Black Pearl auf der anderen Seite, der Anderswelt, gefangen im eigenen Ich. Wut, Verzweiflung, Trauer. Eine volle Breitseite aus dem Nebel des Schattenmeeres. Ich werde sobald das Frühstück um ist wieder zu einem der … nein, es ist nur Ruth im Haus, also zu Ruth gehen. Brian macht ein längeres Wochenenden nach einem Streit mit Robert und Robert ist auch weg bis Morgen. Beim Streit ging es um Brians Arbeitspensum. Sie haben sich in Brians Büro gestritten. Ich kam gerade vorbei, sah bereits mehrere Jungs im Flur herum lungern. Sie spritzten auseinander wie Quecksilber als ich aus dem Stall in den Küchenflur kam. „Verdammt, wenn du so weiter machst liegst du irgendwann tot neben deinem Stuhl. Sollen wir dich dann auf deinem Schreibtisch bestatten. Brian, sieh es …“ Ich schließe die Tür und denke das Robert recht hat. Brian arbeitet zu viel. Die Tür schluckt jedes weiteres Wort, man hört nicht mal das sie sich streiten.

Gedanken an Helden und Versager. Ein unerfreuliches Gespräch mit Thomas der sich in den Kopf gesetzt hat zu den Marines zu gehen, nicht zu den US Marines, sondern zu den Royal Marines, versteht sich. Ein wirklich unerfreuliches Gespräch, gerade von ihm habe ich etwas anderes erwartet. Wir leben hier jedoch in einer etwas anderen Gesellschaft als man in Deutschland lebt. Tradition und Geschichte sind hier eng mit der Gesellschaft verwoben. Den Holocaust haben schließlich die Deutschen gemacht ausgeführt, wenn auch mit der englischen Erfindung des Konzentrationslagers. Tradition und Geschichte und Rituale die im öffentlichen Leben präsent sind. Eine Militärkapelle hier wird beklatscht, in Deutschland mit Eiern beworfen. Das ist der Unterschied.

Bilder wie diese, sind undenkbar in Deutschland.

Auch wenn die Liste der Gefallenen immer länger wird, so nehmen doch die Freiwilligenzahlen in Großbritannien nicht wirklich ab. Eine Kombination aus Tradition, Geschichte, Ehre Job mit geregeltem Einkommen und Abenteuer. Die Aussicht in die Ferne zu ziehen zu können ist bei der britischen Armee immer noch gut. Es meldet sich eigentlich niemand um dann zu Hause bleiben zu wollen. Der Krieg ruft, jenes Abenteuer das aus einem Jungen einen echten Mann macht. Ich persönlich denke das Mädchen Männer machen, man muss niemanden umlegen um zum Mann zu werden. Aber die Aussicht auf einen guten Job verklärt manchem die Sicht auf die Realität. Gedient zu haben bedeutet in Großbritannien immer das man bei Bewerbungen bessere Karte hat als Ungediente. Fürs Leben als solches ist es umgekehrt natürlich besser. Man sieht es nur nicht jedem an das er zum Wrack geworden ist. Doch Thomas sollte es besser wissen. Er sieht die Veteranen mit den seelischen Verletzungen doch jeden Tag. „Du bist ein Scheißspinner.“ Ich schubse ihn beiseite und gehe über dem Hof. Auf der Treppe steht Simmons. Ich gehe die Treppe hoch und will an ihm vorbei. „Was war das denn?“ fragt er. „Dieser Idiot will zu den Marines“, ich gehe an Simmons vorbei ins Haus und bin stinckig. Ausgerechnet Thomas.

Später am Tage begegne ich Simmons wieder. Er grinst mich an. Kurz darauf kommt Thomas ins Haus. Er ist völlig ausgepumpt und von oben bis unten mit Matsch überzogen. „In zwei Minuten wieder unten, dann machen wir das ganze noch einmal.“ „Scheißescheiße“, sagt Thomas und schleppt sich die Treppe rauf. „Ausbildungskurzprogramm. Mal sehen wie lange er es aushält“, sagt Simmons. Ich rolle mit den Augen und gehe in den Stall. Simmons war mal Ausbilder bei den Marines. Hat fast den gleichen Weg wie ich hinter sich, was die PTBS angeht. Nur hat er ein Happy End, ich nicht.

Diese Diagnose von Brian war erschütternd. Unheilbar diesen Scheiß mit sich herum zu schleppen, jeden Tag, jeden Tag auf dem gleichen Schiff durch das Nebelmeer. Immer wieder dringt sie herauf, schleicht sich in mein Gehirn oder überfällt mein Leben. Irgendwann hat man keine Munition mehr, hebt sich die letzte Kugel für sich auf. Ich habe Narben an den Handgelenken, habe mich selbst überlebt und einen anderen Weg gefunden. Doch manchmal drängen sie herauf. Ich werde nach her wieder runter gehen und einen Arzt aufsuchen. Mehr Tabletten wahrscheinlich. Ich bin sowieso untermedikamentiert. Irgendwann hat man auch keinen Bock mehr auf diese Scheiße. Übelkeit wenn ich Glück habe. Durchfall wenn ich Pech habe. Wenn ich es nicht nehmen würde wäre ich auf der anderen Seite des Mondes, der dunklen Seite.

Ein Stimmungstief, wahrscheinlich die Midlife Crises. Manchmal könnte ich Ruth küssen für ihre Naivität. Sie hat mir ein zusätzliches Medikament gegeben. Es geht mir besser. Man lebt damit. Es ist nicht Krebs, kann aber genauso tödlich enden. Heute hängt Schottland am Mast, nach dem Jack war mir nicht zu mute. Das habe ich manchmal, breche mit meiner Nationalität. Unter Jack bin ich in den Krieg gezogen. Für nichts.

Ich bin abgeschwiffen. Abgeschweift? Abgewichen, abgekommen von meinem eigentlichen Eintrag. Nein, auch nicht. Es liegen zwei Tage dazwischen. Sind doch zwei? Manchmal verschwimmt hier die Zeit. Im See hinter dem Hügel befindet sich ein Riß im Raum Zeit Kontinuum. Das wirkt sich manchmal auf unsere Zeit aus. Nein, ich bin froh hier zu sein. Auch wenn es regnet…. es hat aufgehört, oder nicht?

Ich komme also vom Klo zurück und bemerke einen Lichtschein im Hof. Ich sehe hinunter. In der Küche brennt Licht. Halb drei, ungewöhnliche Uhrzeit. Ich werfe mir was über und gehe runter. Brian ist nicht im Hause, er kann es also nicht sein. Ich erreiche die Küche und stoppe abrupt. Morag steht Barfuß im Nachthemd vor der Spüle und scheint aus dem Fenster zu sehen. Sie vibriert, schluchzt, schlägt plötzlich auf die Arbeitsfläche mit der Faust. Dabei erwischt sie einen großen Löffel der in einem weiten Bogen durch die Küche fliegt und scheppernd auf dem Boden aufkommt. Ich gehe in die Küche hebe den Löffel auf und gehe zu Morag. Den Löffel lege ich auf die Arbeitsfläche und fasse Morag an die Schulter um sie umzudrehen. „Nicht, bitte“. Sie sieht mich durch die spiegelnde Oberfläche des Fensters an. Ich trete hinter sie, lege meine Hände auf ihre Schulter und streichele mit meinen Daumen sanft ihren Nacken.

Wir stehen eine ganze Weile so. Kathleen hat bei mir so das eine oder andere mal einen Anfall vertrieben. „Was war das vorhin?“ fragt Morag schließlich. „Ein Rettungsflieger wahrscheinlich. Die überfliegen uns ab und zu.“ Sie legt eine Hand auf meine und stoppt meinen Daumen. Dann dreht sie sich um. Sie ist total verheult. Sie breitet die Arme aus. Es ist ein wirklich dünnes Nachthemd, denke ich. „Darf ich?“ „Ja, komm her,“ sage ich und nehme sie in die Arme. Sie drückt sich an mich, schluchzt. Draußen ist es Nacht. Im Haus ist es still.

Wir stehen eine ganze Weile so. Ihr Druck lässt irgendwann nach, sie löst sich von mir. „Danke“,sagt sie und geht ohne mich anzusehen zur Tür. „Warte“, sage ich und fasse nach ihrer Hand. „Nimm eine Wärmflasche mit“. Sie setzt sich an den großen leeren Tisch, wartet während der Wasserkocher zischt und blubbert. Ich mache die Flasche fertig, wische übergelaufenes Wasser ab und reiche sie ihr. Sie steht auf, nimmt die Flasche und drückt sie sich an die Brust, eine wird bedeckt und eine besonders betont. Ein Engel mit Wärmflasche.

Sie geht wieder zur Tür dreht sich im Rahmen noch mal um. „Wie hältst du das nur aus Henry?“ Sie sieht mich an, das erste mal seit wir in der Küche sind. Erschreckende Augen, Augen die zu viel gesehen haben. Ich gehe zu ihr rüber, sehe ihr in die Augen und lege meine Hände auf ihre Schultern. Gar nicht. Ich gehe daran kaputt. Verbrenne innerlich. Es frisst an meinem Ich und zerstört mich bei jedem Anfall ein kleines bisschen mehr bis ich es nicht mehr aushalte und ich Hilfe brauche. Aber das kann ich ihr nicht sagen. „Es gibt schlechte Tage, und es gibt gute Tage. Heute hast du eine schlechte Nacht gehabt. Ich möchte das du jetzt rauf gehst zu Frank und Sex mit ihm machst. Dann lässt du dich von ihm in den Schlaf kraulen. Morgen habt ihr Frei, bleibt liegen und genießt das Leben.“ Ich drücke ihre Schulter etwas fester und schüttele sie leicht. Die Wärmflasche gluckert dabei. „Sex als Medizin?“ Sie sieht mich an, lächelt plötzlich. Ihre Augen haben ihre Wärme zurückbekommen. Sie gibt mir einen Kuß auf die Wange. „Danke, Henry“. Sie verschwindet in den dunklen Flur. Armer Frank, denke ich. So ausgekühlt wie sie sein muß wird er bestimmt gleich einen gehörigen Schrecken erleiden wenn sie sich zu ihm legt.

Ich gehe zum Lichtschalter und mache das Licht in der Küche aus. Nein, glücklicher Frank, denke ich. Was gäbe ich dafür wenn… aber es wird niemand auf mich warten auf meiner Kommandobrücke auf dem Schiff durchs Nebelmeer. Das ich Morag so gesehen haben gibt mir jedoch wieder Antrieb weiter zu machen. Auf den nächsten Tag zu setzen und hoffen das er besser wird, das es zumindest nicht schlimmer wird. Wieder Gefechte im Kopf. Schlachten werden geschlagen um mich. Ich bin krank, weiß es, fühle es. Kopfkrank. Gehirnsalat.

Der nächste Morgen. Ein Gespräch mit Ruth wonach es mir besser geht. Ich habe es erzählt wie es mir gerade geht oder in der Nacht ergangen ist. Meine Begegnung mit Morag habe ich ihr nicht erzählt. Die Ärzte müssen auch nicht alles wissen. Es ist Sonntag.

Nach dem Frühstück verlässt zu erst Frank die Küche, dann Morag. Ich habe Küchendienst. Im vorbeigehen streicht mir Morag über den Rücken und flüstert „Danke“. Dann geht sie hinaus. Simmons sieht zu mir rüber, nickt mir zu und geht ebenfalls. Die Küche lehrt sich, nur die Abwäscher bleiben zurück. Ich sehe zu das sie schnell fertig werden. Ich will mich um meine Pferdchen kümmern.

Etwas später sehe ich Frank und Morag Hand in Hand über den Hof gehen. Sie lacht laut über etwas was Frank gesagt hat. Sie wirkt völlig normal, ausgelassen, fröhlich. Eine junge verliebte Frau an einem guten Tag. Nichts ist vom Engel mit der Wärmflasche geblieben. Sie bemerken mich nicht. Ich bin auf dem Paddock und enfussele gerade Vinur der beim striegeln eingeschlafen ist.

Wahrscheinlich trägt die Einsamkeit zur Melancholie bei, der Nebel, der Regen, der verschwundene Sommer, der bevorstehende Herbst. Herbstdepression nennt man das wohl. Vieles ist einfacher alleine. Ich bringe Vinur wieder in seine Box. Hantiere in der Box und denke an nichts. „Henry? Du hast Besuch“. Das ist etwas was man auch gut alleine kann. Sie selbst verarschen. „Ich habe was?“ frage ich Naff. „Besuch, wartet auf dem Hof.“ Verarscht werden will ich nicht. „Schick in her, bin grad beschäftigt.“ „Ähem, Okayy…“ „Is was?“ „Neinnein.“ Naff dreht sich um und geht. Mich verarschen, netter Versuch. Ich kratze Vinurs Vorderhuf aus und vertiefe mich wieder in meine Arbeit. Eigentlich ist es mehr als das. Nach zwei Tagen habe ich endlich wieder Lust mit den Pferden zu arbeiten, so das es Spaß macht. Gedanken über meinen Geisteszustand muss ich mir immer dann machen wenn ich nicht mal mehr zu den Pferden gehen will. Dann ist es… „Hallo Henry.“

Kendra.

Ich lasse Vinurs Bein runter und drehe mich um. Aber Vinur ist schneller. Er geht zur Boxentür und begrüßt den Besuch. Ich folge ihm. „Kendra, hallo, ich meine, was für eine Überraschung.“ Es entsteht eine Pause die Vinur nutzt um Kendra nach Leckerlies abzusuchen. Ich schiebe ihn schließlich zur Seite. „Tschuldigung, er ist manchmal ein wenig zu neugierig.“ Vinur hat sich in die Ecke zurückgezogen und brammelt zwei drei mal.“Ich dachte ich schaue mal vorbei wenn ich nicht im Dienst bin. Ich habe heute frei. Vielleicht hättest du Zeit, ich meine…“ „Ähem, nein leider. Ich muss arbeiten.“ „An einem Sonntag?“ „Ja, gerade Sonntags. Ich habe eine sechs Tage Woche. Dienstags habe ich frei. Aber.. ich meine, möchtest du einen Tee?“ „Ja, gerne.“

Wir gehen zum Küchenflur. Unterwegs gerate ich in Stress. Nicht stammeln, nicht stolpern, nicht schwitzen und so weiter. Wir gehen weiter und treffen im Flur Naff an. „Wer blöd guckt muss heute abwaschen“, sage ich im vorbeigehen. In der Küche ist es noch ruhig. Ich sehe auf die Uhr. Viel Zeit bis zum Küchendienst bleibt nicht. Ausgerechnet heute habe ich Küchendienst. Ich koche Wasser und wir unterhalten uns über das Wetter, über meine Arbeit und ihre Arbeit. Dabei habe ich immer den Eindruck das sie sich zwar dafür interessiert, aber auch wieder nicht. Irgendwie scheint sie sich umzusehen, unauffällig. Vielleicht bilde ich es mir auch nur ein weil ich weiß das sie Polizistin ist.

Naff kommt in die Küche mit einem anderen Jungen und Serena im Schlepptau. Ich sehe auf die Uhr und dann zu Kendra. „Ich muss leider wieder arbeiten. Das Mittagessen muss vorbereitet werden.“ „Das ist schade. Vielleicht hast du ja an einem anderen Tag mal mehr Zeit“, sagt sie und steht auf. Sie mustert Serena die Kendras Blick nicht standhalten kann. Ich bringe Kendra zur Tür wo wir uns verabschieden.

Ich sehe zu wie ihr Wagen den Hof verlässt und sie nach links abbiegt. Sonstige Besucher biegen nach rechts ab. Den Wagen sehe ich noch mal oberhalb der oberen Weide wo er dann hinter der Kuppe verschwindet. Sie war nicht wegen mir hier. Oder doch? Wenn nicht, warum hat sie dann gefragt ob ich Zeit hätte? Ist sie mein Typ? Will ich das überhaupt? Wieder jemanden in mein Krankheitsbild integrieren? Kendra. Schottland, Land der komischen Namen. „Wie machst du das nur?“ Ich schrecke auf, bemerke das ich immer noch den Horizont oberhalb der oberen Weide im Blick habe. Simmons steht neben mir, hat einen Becher in der Hand aus der er einen Schluck nimmt. „Wie mache ich was?“ „Na, mit den Frauen. Irgendetwas hast du doch was sie anzieht.“ Abwesend sage ich: „Schwanzlänge.“ Simmons prustet in den Becher verschluckt sich und muss husten. „Hast du hust höchö hust hast du Schwanzlänge gesagt?“ „Ja“. „Du bist eine alte Sau, ehrlich.“ „Ja, das bin wohl“.

Einblicke nach Großbritannien

Einfach mal klatschen wenn Veteranen eine Parade abhalten. Das geht leider in Deutschland nicht. Erstens gibt es keine Öffentlichkeit für Veteranen, dann keine Paraden für sie und letztlich nicht mal Veteranen. Ehemalige der Bundeswehr heißt, das glaube ich.

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Zwischen den Zeiten

Es ist gerade kurz vor sieben. Im Stall war ich schon. Morag war ebenfalls unten, Fahne ist gehisst, Pferde sind versorgt. Ich gehe dann entweder ins Büro und erledige irgendwelchen Scheiß oder schreibe ins Tagebuch. Morag hat sich Hekla genommen und reitet ein Paar Runden im Paddock.

Das ist die Zeit zwischen den Zeiten, zwischen Morgenrunde und Frühstück. Frank ist heute für das Frühstück zuständig. Gelärmt wird schon fleißig. Heute sind die Wetteraussichten nicht schlecht: Sonnig, später etwas wolkig, bis 13 Grad.

Gestern Scheißwetter. Mal Regen, mal Sonne, relativ windig und etwas kühler als die letzten Tage. Gestern vormittag haben wir ein großes Reiten veranstaltet. Alle Pferde waren draußen auf der oberen Wiese und es ging im Kreis um sie herum. Die Patienten mussten sich abwechseln. Dabei haben wir genau darauf geachtet wer sich wie verhält und haben die Patienten auch auf Pferde gesetzt die sie sonst nicht reiten. Die Vorbereitung fürs Mittagessen hat mehrere Patienten von uns genommen, doch meine Entscheidung stand fest für einen Ausritt am Nachmittag.

Nach dem Mittag, es gab Fish´n chips (nicht einfallsreich aber genießbar) haben wir die entsprechenden Patienten zusammen geholt und eingewiesen. Es gab zwar Gemaule unter denen die mit konnten aber Thomas und Morag hatten sich ein Alternativprogramm ausgedacht um diesen Patienten das Pferd näher zu bringen. Ohne Selbstsicherheit auf dem Pferd reitet mir keiner frei durch das Hoftor nach draußen.

Mit elf Pferden ging es raus auf die Straße nach links den Hügel hinauf. Da hier sowieso nichts los ist habe ich die Kolonne in Zweierreihe reiten lassen. Ich natürlich alleine Vorweg. Mit so vielen Pferdchen macht man schon einen gewissen Lärm. Das Auto das auf der anderen Seite der Bergkuppe herankam habe ich nicht gehört. Vollbremsung, ein Wagen der über die Straße rutscht. Recht dicht kam der Wagen vor mir zu stehen. Unruhe unter den ersten beiden Pferden, Vinur hat das Auto erst gar nicht gesehen weil es im toten Winkel seiner Nase war. Aber die Ohren gehen hin und her. Das Seitenfenster auf der Fahrerseite wird herunter gekurbelt. „Das ist aber gefährlich was ihr hier macht!“ „Nur wenn die Polizei kommt“, erwidere ich. Es ist der mittlerweile vertraute Streifenwagen. Am Steuer sitzt die Beamtin die ich ja nun auch schon öfters gesehen habe. Sie lächelt. Vinur ist etwas unruhig, will den anderen hinter her. „Haltet ihr mal ein bisschen die Augen auf. Im Wald hinten hat irgendein Idiot Fallen ausgelegt. Euer Nachbar hat uns gerufen. Sein Hund ist in so eine Schlinge gelaufen.“ „Können wir machen“, sage ich. Sie lächelt noch mal und hebt die Hand zum Gruß und gibt Gas. Der Wagen fährt in Richtung unseres Hofes davon. Ich sehe ihm nach. Sie hatte keinen Ring am Finger. In Edinburgh hatte sie noch einen. Eheringe nimmt man doch nicht ab bei der Arbeit, oder?

Vinur holt mich wieder aus den Gedanken. Er dreht sich wieder in die Richtung wo unsere Pferdchen hin verschwunden sind. Er scharrt mit dem Huf und nickt aufgeregt. „Steh hier nicht rum, mein Alter, ihnen nach!“ Ich stubse ihn mit den Fersen an und er gibt Vollgas. Wir holen die Gruppe ein und bringen eine ziemliche Unruhe in die Kolonne. Frank lässt Tempo aufnehmen und die Kolonne richtet sich neu aus. Auf dem Nachbarhof setzte ich mich ab. Ich unterhalte mich kurz mit unserem Nachbarn über die Fallen. Eine Katze ist auch schon verschwunden, nein, dem Hund geht es gut, er wäre ja dabei gewesen. Ungewöhnliches gesehen hat er bislang nichts. Autos die hier durchfahren oder abgestellt werden fallen unweigerlich auf. Eine Idee wer dahinter stecken könnte hat er nicht. Ich schwinge mich wieder in den Sattel, verabschiede mich auf gälisch und reite der Gruppe nach.

Ich würde gerne weiter schreiben, leider ist es heute ziemlich laut hier unten. Freitag ist immer ein wenig unruhiger, da steht das Wochenende an und die Sonne soll heute scheinen. Wahrscheinlich lasse ich die Gruppe heute an den See reiten.

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Mal wieder Aalauflauf

Gestern am frühen Morgen. Unsere Köchin fällt aus. Ihr Mann liegt im Krankenhaus. Herzanfall. Brian stampft ein Küchenteam aus dem Bode. Der Vormittag geht ins Land und bald kann man riechen was es geben wird. Sogar oben am alten Baum auf der oberen Weide riecht es noch danach. Ich treffe auf Simmons im Hof. „Mein Gott, ist ein Fischkutter vom Himmel gefallen“? Fragt er. „Schlimmer, viel schlimmer“, sage ich. Ein Wagen fährt auf den Hof. Robert ist zurück. Er steigt aus und grüßt fröhlich, hält aber plötzlich inne. „Kocht ihr Pansen“? Fragt er. „Nein. Aal“, sage ich. „Scheiße,“ sagt Robert. „Kommt aufs selbe raus“, sagt Simmons. Zum Glück ist es windig.

Mittag. Wir treffen uns in der Küche. Brian teilt selber aus. Der Anblick alleine… so werden wahrscheinlich angehende Pathologen und Chirurgen abgehärtet. Einmal im Aalauflauf mit dem Löffel hantiert und nichts kann einen mehr schrecken. „Sir, ich wusste gar nicht das man Scheiße kochen kann“, sagt einer der Jungs der Brian den Teller hin hält. „Raus, kein Essen heute Mittag“, sagt Brian streng. Der Junge verlässt die Küche mit einem Augenzwinkern. „Von Fisch bekomme ich Pickel“, sagt eins der Mädchen. „Mach dir ein Brot“, sagt Brian. Brian teilt weiter aus, wird dabei immer stinkiger. Wir fangen an zu essen. Simmons nimmt eine Gabel voll in den Mund und spuckt sie wieder auf den Teller. „Auch raus“, sagt Brian. „Sir“, sagt Simmons und verlässt die Küche. „Ausgezeichnet“, sagt Ruth. Auf Brians kritischen Blick muß ich laut los lachen. Brian sieht mich ernst an und sagt: „Auch du, mein Sohn Brutus?“ „Also, ich äh, ich geh dann mal.“ Brian nickt bejahend. Ich stehe auf und höre noch in der Tür das Ruth einen Nachschlag verlangt. Trinkt sie etwa auch am Tage?

Ich gehe in den alten Stall in die Sattelkammer und will mir Haferkekse holen. Das ist die einzige Nahrungsquelle außerhalb der Küche, es sei denn natürlich man hat noch was auf dem Zimmer gehortet. Zwei Kids sind bereits in der Kammer und kauen auf den Pferdekeksen herum. „Raus hier, die sind für die Pferde. Verdammt noch mal“. „Ja Papi“. „Papi kommt gleich!“ sage ich und deute einen Tritt an. Morag kommt herein. „Ich möchte auch einen“. Sie nimmt mir einen aus der Hand. „Das war mit Abstand das schlimmste was ich je gegessen habe.“ „Heute war er sogar besser als sonst“, sage ich. „Kocht er das etwa öfter?“ Frank kommt herein, macht nur eine abwehrende Geste und geht mit einer handvoll Kekse wieder hinaus. „Ich glaube der braucht einen Sanitäter“, sage ich. Morag lächelt und folgt Frank in die Boxengasse.

Nach dem Mittag allgemeines Gemecker über den Auflauf. Einigen ist tatsächlich schlecht. Am Abend Gesamtkonferenz in der Küche. Unsere Köchin fällt für länger aus. Also müssen wir erst mal selbst kochen. Brian will die Leitung der Küche übernehmen und einen Speiseplan ausarbeiten. Ihm schwebt eine schottische Woche vor. Es dauert etwas bis wir ihm das alles ausreden können. Schließlich hat er ja so viel zu tun. „Gut, dann regelt ihr das. Ich gehe mein Büro.“ Es klingt beleidigt, doch Brian kenne ich zu gut. Wer in seiner Jugend mal den Hamlet gespielt hat kann auch einen beleidigten Chef spielen.

Abends gehe ich zu Brian ins Büro. Ich hatte einen Flashback von der heftigeren Sorte. Erst sprechen wir darüber und dann über das Essen. „Du bist nicht wirklich beleidigt das du nicht die Küche leiten sollst, oder nicht?“ „Natürlich nicht. Ich bin froh das ihr das geregelt habt. Wie war der Auflauf heute?“ „Besser als sonst, aber trotzdem fies genug. Vielleicht ist der nächtliche Besucher ein russischer Spion der das Rezept stehlen will.“ „Das Rezept ist ein altes Familienrezept, und jetzt raus hier.“ Schwer zu sagen ob er wirklich sauer war.

Es gibt Sachen die sollten in der Familiengruft bleiben. Brian hat es jedenfalls mal wieder geschafft sich vor dem Kochen zu drücken. Es bleibt bei uns Betreuern hängen und in einem gewissen Umfang auch an den Patienten. Bei der Schließrunde mache ich einen Kontrollgang zum Kühlraum. In dem Tiefkühler liegt noch gefrorener Aal…

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Polizei im Haus

Ungemütliches Wetter. Windig, leichter Regen. Die Tropfen sind meistens so fein das der Wind sie überall hin tragen kann. Man wird sogar von unten nass. Gestern konnte ich nicht einschlafen, also einschlafen schon, aber die Wirkung meines Schlafmittels ließ zu schnell nach. Das passiert manchmal. Jedenfalls war es erst kurz nach Mitternacht als ich runter gegangen bin. Im Haus war noch leichter Betrieb. Ein Paar Vets spielten Karten im Aufenthaltsraum. Ich habe mich fertig gemacht und bin mit Moya ausgeritten. Richtig geil ist ein Ausritt mit Nachtsichtgerät! Ja, ich muss es Brian abschwatzen, unbedingt. Gestern habe ich ihn schon damit gelöchert.

Wir haben eine Runde um den Hof gemacht und sind dabei auf den Wegen geblieben. Zurück im Stall habe ich Moya abgesattelt und bettfertig gemacht. Im Haus brannte nur noch in der Küche Licht. Ruth saß am Tisch, vor sich ein Glas Wein. „Hallo Henry“. „Hallo Ruth.“ Draußen springen die Lampen an. Der Fuchs schlendert über den Hof, sieht kurz in meine Richtung und verschwindet dann gemächlich. Die Lichter gehen aus. Ich mache mir einen Kakao, Ruth schenkt sich nach. Draußen springen die Lichter wieder an. Der Fuchs schlendert wieder über den Hof. Wäre das hier ein Film so würde ich sagen wir haben einen Fehler in der Matrix.

„Was findet dieser Fuhuchs nur so toll an dem Leischt, Licht?“ fragt Ruth mit erhobenen Glas, den Zeigefinger auf den Fuchs gerichtet. Kein Zweifel, sie ist betrunken. Ich rühre in meinem Kakao. Die Lichter verlöschen. „Vielleicht ist er eitel?“ frage ich. Dabei vermeide ich es sie anzusehen. Ihre Frisur ist total zerzaust. „Wieso war eigentlich die Pooolizei hier? Heute Nachmittag?“

Ja richtig. Die Polizei. Ich hatte gerade eine Reitgruppe zusammengerufen um ein Paar Einzelheiten zu besprechen die wir dann im Gelände umsetzen wollten als der Polizeiwagen auf den Hof fuhr. Die Fahrerin steigt aus und kommt direkt auf mich zu. „Macht die Pferde fertig“, sage ich zur Gruppe die sich auffallend langsam in den Stall verzieht. „Guten Tag,“ sagt die Beamtin. „Guten Tag.“ erwidere ich. Serena kommt aus den alten Stall, sieht die Polizistin und verschwindet sofort auffallend schnell. „Was hat die den?“ fragt die Polizistin. Sie hat recht, merkwürdig war das schon. „Quecksilbersyndrom“, sage ich. Die Polizistin nickt. „Ich weiß jetzt endlich wer du bist. Ich meine neulich in Edinburgh, da war ich wohl ein bisschen zu unfreundlich, oder nicht?“ „Naja, hätte ja auch eine blöde Anmache sein können“. „Das habe ich auch gedacht. Meine Freundin meinte… ist auch egal. Ich war hier in der Nähe und wollte einfach mal Hallo sagen und mich ein bisschen umsehen. Die Leute kennenlernen die hier wohnen.“ „Die hier in der Anstalt wohnen?“ „Nein, hier in der Landschaft, ein bisschen umhören.“

Brian kommt aus dem Haus. Er sieht aus als ob gleich ein Meteorit einschlagen würde. „Guten Tag, ich dachte wir hätten das mit dem Ladendiebstahl geklärt“, beginnt Brian. „Guten Tag. Ladendiebstahl?“ „Ja, ich meine… .“ Brian sieht mich an. Ich schüttele leicht meinen Kopf. „Eigentlich wollte ich nur mal vorbeischauen. Das ist halt der Nachteil wenn man so angezogen ist wie ich und in einem solchen Wagen vorfährt. Da kommt man rein zufällig hier vorbei und jeder denkt gleich: Oh Gott, die Polizei! Und denken was sie falsch gemacht haben könnten.“ „Ah so. Puh. Also ich bin Brian und der Chef dieser Einrichtung.“ Eine kleine Pause entsteht. „Die Beamtin möchte sich ein wenig hier umsehen“, sage ich schließlich. „Oh, sehr schön, warum nicht? Henry machst du das?“

Ich habe Frank die Reitgruppe aufs Auge gedrückt, Morag übernahm Franks Arbeit und Thomas die von Morag. Fast eine Stunde war sie hier und hat sich umgesehen.

„Ach, nur einen Höflichkeitsbesuch hat sie gemacht? Das iss ja laangweilig.“ Ich trinke meinen Kakao aus und spüle den Becher gleich ab. „Iss dir aufgefallen das sie einen Pferdeschwanz hat?, Henry?“ Ja, allerdings. Das ist mir aufgefallen. Antworten kann ich jedoch nicht. „Ich beneide Frauen mit Pferdeschwanz. Mit diesen Zotteln auf dem Kopf kriegt man das nicht hin. Noch nie. Damals in der Grundschule…“ „Darf ich dich nach oben bringen?“ „Henry!“ „Nur bis zur Tür.“ „Ach so. Na dann. Flasche ist leer, dann kann ruhig gehen. Kann ich ruhig gehen. Warum schwankt die Küche?“ „Erdbeben der Stärke eins heute Nacht, in ganz Schottland. Hast du die Nachrichten denn nicht gesehen?“ „Erdbeben? Herjee. Und regnen soll es auch noch.“

Ich schaffe Ruth auf ihr Zimmer und gehe dann in mein Zimmer. Ich nehme noch mal Tropfen und schlafe dann durch bis zum Morgen.

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